Reaktion auf Anfrage der SS zur Pogromnacht
Textquelle
Bielefeld am 18.11.1938

Kurze Erläuterung

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es im ganzen Deutschen Reich zu einer staatlich initiierten Pogromnacht, in welcher SA- und NSDAP-Mitglieder sowie weitere Antisemit:innen tausende Geschäfte und Wohnungen jüdischer Menschen verwüsteten, unzählige Synagogen in Brand steckten und tausende Juden und Jüdinnen verhafteten oder ermordeten. Das Novemberpogrom dient dem Zweck, die gezielte Isolierung und Ausgrenzung sowie die Enteignung jüdischer Menschen voranzutreiben. Dies sollte durch ihre Vertreibung und die Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenz erreicht werden. Die Nationalsozialist:innen bezeichneten diesen Vorgang als „Arisierung“. Um die Folgen ihrer eigens inszenierten Aktion besser abschätzen können, sandte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) einen Fragenkatalog an die Amtsinhaber der jeweiligen Städte und Gemeinden. Beim hier vorliegenden Dokument vom 18. November 1938 handelt es sich um ein Antwortschreiben des Bielefelder Landrates.

Relevanz des Materials

Das Antwortschreiben bietet einen Einblick in die Situation öffentlichen jüdischen Lebens im Landkreis Bielefeld zum Zeitpunkt des Novemberpogroms. Das Fehlen von Synagogen im Landkreis zeugt von einer ohnehin nur sehr kleinen jüdischen Gemeinde, welche aber dennoch den staatlichen Repressalien ausgesetzt worden ist, wie sich anhand der Übergabe des jüdischen Geschäfts in „arischen Besitz“ erkennen lässt (Ziffer 2).
Letztlich hält das Schreiben fest, dass die Pogrome in der lokalen Bevölkerung „mit Genugtuung und Verständnis aufgenommen“ worden seien. Gleichzeitig wird aber auch von Kritiker:innen der Aktion berichtet, die „hauptsächlich in kirchlichen Kreisen zu suchen“ seien und die antisemitischen Pogrome missbilligten (Ziffer 14). Diese werden jedoch als „nicht aufgeklärt“ erachtet und es wird um mehr „Aufklärungsarbeit von Seiten der NSDAP“, also um umfassendere Indoktrinierung, gebeten, um auch die Kritiker:innen von der Richtigkeit antisemitischer Aktionen zu überzeugen. Nicht zuletzt an dieser Aussage kann auch die ideologische Gleichschaltung in den unterschiedlichen Regierungsebenen verdeutlicht werden.

Heike Fiedler

Lernort 

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