Brief von Stefanie Rath aus dem Deportationszug nach Riga
Textquelle
unbekannt 1942

Kurze Erläuterung

Auch im westfälischen Bochum begann die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung unmittelbar nach der „Machtübertragung“ auf die Nationalsozialist:innen. Lebten 1932 noch über 1.100 jüdische Bürger:innen in der Stadt, sank diese Zahl durch Flucht und erzwungene Auswanderung bis Oktober 1938 auf 644. Boykotte, Berufsverbote und zunehmende Gewalt erschwerten das Leben der in Bochum verbliebenden als jüdisch verfolgten Menschen zunehmend, wie exemplarisch anhand der Biografie von Stefanie „Fanny“ Rath deutlich wird. Stefanie Rath lebte gemeinsam mit ihrem Ehemann Hermann und ihrem Sohn Arthur in der Dorstener Straße. In der Brückstraße 51 betrieb Hermann ein Möbelgeschäft, welches Stefanie nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahr 1932 alleine weiterführte. Im Zuge dessen bezog sie mit ihrem Sohn eine Wohnung im Hause des Geschäfts. Die zunehmende Verfolgung und der Boykott jüdisch geführter Geschäfte zwang Stefanie Rath dazu das Möbelgeschäft im Jahr 1935 aufzugeben. Zum 1. September 1939 musste sie die Wohnung räumen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ an der Goethestr. 9, später in der Horst-Wesselstr. 56 umziehen. Als Reinigungskraft und Haushaltshilfe bemühte sie sich den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. 1941 versuchte sie in die Schweiz zu fliehen doch der Fluchtversuch scheiterte und die Verfolgungssituation spitze sich weiter zu.
Ende Januar 1942 musste sich Stefanie Rath am Bochumer Nordbahnhof einfinden, der als Sammelstelle für die Verfolgten fungierte. Von Bochum aus wurde sie nach Dortmund gebracht und am 27. Januar 1942 zusammen mit etwa 70 weiteren Menschen nach Riga (Lettland) deportiert.

Relevanz des Materials

Aus dem Deportationszug schreibt Stefanie Rath einen Brief an ihren in der Schweiz lebenden und studierenden Sohn Arthur. Es ist das letzte Zeugnis, was von ihr überliefert ist.Diese Quelle bietet als ego-dokumentarisches Dokument einen konkreten Anlass zur Erarbeitung von Intentionalität und Adressatenbezug im Rahmen einer quellenkritischen Analyse. Die historisch verbürgte Brutalität der Deportationen, die mangelnde Verpflegung und Hygienebedingungen, die Überfüllung und die Gewalt stehen in einem starken Kontrast zur Stefanie Raths Schilderungen einer „herrlichen Winterlandschaft“ und einer „gute[n] Stimmung“. Dieser scheinbare Wiederspruch ruft möglicherweise einen Irritationsmoment hervor, der die Lernenden erkennen lässt, dass auch solch persönliche Texte nicht reine Tatsachenberichte, sondern Produkte eines spezifischen Entstehungs- und Rezeptionskontextes sind. Wollte sie als Mutter ihren Sohn vor der Realität der Deportation schützen und ihm Mut zusprechen? Wie viel wusste oder ahnte sie von dem, was sie in Riga erwartete? Inwiefern lässt sich der Brief als Zeugnis der Selbstbehauptung verstehen?

Elisa Gernert

Lernort 

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Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen