Brief von Clothilde Schüler (13.10.1941)
Text
Bochum 1941

Kurze Erläuterung

Seit der „Machtübertragung“ 1933 wurden als jüdisch Verfolgte systematisch von den Nationalsozialist:innen ausgegrenzt, entrechtet und brutal verfolgt. Boykotte, Berufsverbote, Enteignungen sowie gewaltsame Ausschreitungen wie die Pogrome vom 9./10. November 1938 führten dazu, dass immer mehr Menschen versuchten, aus dem Deutschen Reich zu fliehen. Viele hofften auf eine Aufnahme durch die Vereinigten Staaten, doch strenge Einwanderungsquoten und bürokratische Hürden erschwerten die Flucht erheblich. Eine vorübergehende Immigration nach Kuba erschien manchen als letzter Ausweg, doch Ereignisse wie die Irrfahrt der „St. Louis“ im Jahr 1939 machten deutlich, wie unsicher auch diese Option war. Mit dem im Oktober 1941 vom NS-Regime beschlossenen Ausreiseverbot für als jüdisch Verfolgte wurde jede legale Fluchtmöglichkeit endgültig zunichtegemacht. Rund 163.000 als jüdisch verfolgte Menschen waren im Reich gefangen und den Deportationen häufig schutzlos ausgeliefert. Auch die Familie Schüler aus Bochum war davon betroffen. Seit 1939 mussten Paul und Clothilde Schüler mit ihren Kindern in einem sogenannten „Judenhaus“ leben. Den Kindern Gerda Emma und Friedrich Theodor gelang im selben Jahr die Flucht in die USA.  Sie versuchten ihre Eltern zu retten und sie über Kuba zu sich nach Nordamerika zu holen. Regelmäßig schrieben sie ihnen Briefe, um die Eltern über den neuesten Stand der Ausreisevorbereitungen zu informieren. Letztendlich verhinderten das lange Warten auf die Visa und das Ausreiseverbot ihre Flucht. Am 27. Januar 1942 wurden Paul und Clothilde Schüler vom Bochumer Nordbahnhof aus über Dortmund nach Riga deportiert und ermordet. Ihre Geschichte steht exemplarisch für die aktiven Versuche der Verfolgten, den Nationalsozialist:innen zu entkommen, und für die Hindernisse, die ihnen dabei in den Weg gelegt wurden.

Relevanz des Materials

In ihrem Brief (Fotokopie) an ihre Kinder in den Vereinigten Staaten vom 13. Oktober 1941 beschreibt Clothilde Schüler die psychischen Belastungen durch das Warten auf die Ausreisedokumente. Darüber hinaus werden die bürokratischen Hürden, die sie für ihre Ausreise hätten überwinden müssen, ersichtlich. Auch die Kommunikationswege sind begrenzt. Dennoch scheint sie sich nicht beklagen zu wollen: „Wir essen + schlafen Gott sei Dank meist gut & das ist die Hauptsache.“ Die Quelle ermöglicht somit eine personifizierte Auseinandersetzung mit Themen wie Flucht, Vertreibung und Verfolgung während des Holocaust aus der Perspektive einer als jüdisch verfolgten Familie aus Bochum. Die Arbeit mit den Nachlässen der Betroffenen hilft dabei, die individuellen Geschichten von als jüdisch ermordeten Menschen greifbar zu machen und dabei ihre Handlungsmacht hervorzuheben. Zudem können die Bürokratisierung der Ausreise, die sich immer weiter zuspitzenden Auswirkungen der „Vernichtungspolitik“ der Nationalsozialist:innen, sowie die politischen Entscheidungen der internationalen Gemeinschaft im Umgang mit Geflüchteten reflektiert werden. Gerade Fragen nach der Verantwortung von Staaten im Angesicht von internationalen Notlagen können dabei diskutiert werden.

Elisa Gernert

Lernort 

Das Landesarchiv NRW verwahrt an seinen drei Standorten Duisburg, Detmold und Münster historische Dokumente aus der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Die Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW entstand im Jahre 1829 als „Königliches Provinzialarchiv“ in Münster. Hier wurden Archivalien der aufgelösten alten Territorien und der säkularisierten Klöster der preußischen Provinz Westfalen zusammengeführt. Diese waren zuvor an verschiedenen Stellen des Landes in „Archivdepots“ gesammelt worden, um sie vor Zerstreuung und Verlust zu retten. Nach der Entstehung des Landesarchiv NRW 2004 wurde das Staatsarchiv Münster 2008 zur Abteilung Westfalen.
Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen