Ehrenmal „Liegender Soldat“
Bildquelle
Coesfeld 1928

Kurze Erläuterung

Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschloss die Stadt Coesfeld, eine Gedenkstätte für die gefallenen Soldaten des Krieges zu erbauen. 1928, und damit zehn Jahre nach Kriegsende, wurde das vom Coesfelder Bildhauer Prof. Joseph Enseling (1896-1957) geschaffene Ehrenmal eingeweiht. Es zeigt einen aufgebahrten Soldaten mit Stahlhelm, unter welchem die Inschrift „Die Treue ist das Mark der Ehre“ zu lesen ist. Diese Inschrift ist auf ein Gedicht des deutschen Dichters Friedrich Schlegel zurückzuführen (1809). Im Kontext der sog. Befreiungskriege gegen die napoleonische Herrschaft ruft Schlegel in seinem Gedicht zum Krieg und zur freiwilligen Aufopferung für das „Vaterland“ auf. Er greift auf völkisch-germanische Motive zurück, um das Leitbild eines deutschen „Nationalkriegers“ zu propagieren. Dieser erlange Ehre in der Gesellschaft durch eigene Treue gegenüber der Nation. Der Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) übernahm den Satz als persönliches Lebensmotto. Hindenburg wird so zur Symbolfigur des treuen Soldaten, der seinem Land sowohl unter der kaiserlichen Regierung als auch in der Weimarer Republik diene und für Kontinuität und Sicherheit stehe.
In die niedrige Mauer, die das Ehrenmal einfasst, sind Tafeln eingelassen, welche die Namen der gefallenen Coesfelder Soldaten des Krieges wiedergeben. Nachdem das Ehrenmal in den 1980er Jahren aufgrund seiner nicht länger als zeitgemäß empfundenen Ästhetik in Verruf geraten war, wurde es 1992 durch ein Mahnmal für die Verfolgten und Opfer des Nationalsozialismus erweitert. Es zeigt Bahngleise als Symbol von Deportation und Flucht aber auch von Hoffnung und Aufbruch sowie am Gleis eine Frauenfigur, die ein Kind im Arm hält. Somit wurde ein Gegenpol zur martialischen Ästhetik des ursprünglichen Ehrenmals geschaffen. 2017 wurde zudem eine Gedenktafel für die Opfer der Bundeswehr in ihren Auslandseinsätzen ergänzt.

Relevanz des Materials

Die Inschrift des Ehrenmals bietet in ihrem geschilderten Kontext Anlass zur Diskussion über den prävalenten Nationalismus in der noch immer militaristisch geprägten Gesellschaft der Republik sowie über den Zusammenhang von Militarismus und Nationalismus.
Außerdem können anhand des Coesfelder Kriegerehrenmals und seiner Geschichte zentrale Elemente von Erinnerungs- und Gedenkkultur thematisiert werden. So zeugt das Ehrenmal mitsamt seiner Einweihung im Jahre 1928 davon, dass der Krieg und seine Folgen auch zehn Jahre nach dessen Ende noch sehr präsente Themen in der Gesellschaft waren. Gleichzeitig steht der schon 1918 und damit direkt nach Kriegsende gefasste Entschluss zur Errichtung des ursprünglichen Ehrenmals jedoch in starkem Kontrast zur erst 1992 erfolgten Erweiterung um ein Holocaust-Mahnmal. Somit kann auch das erst spät einsetzende öffentliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus anhand des Materials diskutiert werden.
Die 2017 vorgenommene Erweiterung um eine Gedenktafel für die Opfer der Bundeswehr ermöglicht zudem eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Bundeswehr hier in eine Kontinuitätslinie mit den Soldaten des Ersten Weltkrieges gestellt wird oder ob das Gedenken an jegliche Opfer militärischer Auseinandersetzungen im Vordergrund steht.
Darüber hinaus bietet das Ehrenmal aufgrund seiner Geschichte das Potenzial, über die öffentliche Wahrnehmung von Erinnerungskultur und ihre Wandelbarkeit sowie die Veränderbarkeit der Bedeutung von Denkmälern zu diskutieren.
Das Stadtarchiv Coesfeld hat eine didaktische Handreichung herausgegeben, in der auch dieses Ehrenmal behandelt wird.

Dr. Hendrik Martin Lange / Mario Polzin

Lernort 

Das Stadtarchiv Coesfeld ist ein zentraler Erinnerungsort in Coesfeld. Es organisiert Gedenkfeiern und Vorträge, Unterrichtsmaterialien und Bildungsveranstaltungen. Aber vor allem: Es sichert das schriftliche Erbe der Stadt – dauerhaft und für jede und jeden zugänglich. Damit versucht es der Identität Coesfelds eine Heimat zu bieten – vom 12. Jahrhundert bis heute. Die Ratsprotokolle von 1923-1945 sind digitalisiert und online abrufbar. Außerdem gibt es einige Unterrichtsmaterialien zum Download.

Stadtarchiv Coesfeld