Kurze Erläuterung
Nachdem am 12. März 1933 in Coesfeld Kommunalwahlen abgehalten worden waren, fand am 5. April eine konstituierende Sitzung statt, in welcher die wichtigsten Punkte zur Bildung der Stadtverordnetenversammlung geklärt wurden. Bereits in dieser Sitzung stellte der Nationalsozialist Heinrich Becker den Antrag, den Marktplatz der Stadt in „Hindenburgplatz“ sowie die „Letterstraße“ in „Hitlerstraße“ umzubenennen. Dieser Antrag wurde angenommen. Das Protokoll gibt jedoch wieder, dass sich die Abgeordneten außerhalb der Versammlung darauf geeinigt hatten, statt der zentral gelegenen „Letterstraße“ die kleinere und weniger zentrale „Gartenstraße“ in „Hitlerstraße“ umzubenennen. 1936 wurde die nun „Hitlerstraße“ genannte „Gartenstraße“ in „Ludwig-Knickmann-Straße“ und letztendlich doch die „Letterstraße“ mitsamt der „Schüppenstraße“ und Teilen der „Dülmener Straße“ in „Adolf-Hitler-Straße“ umbenannt. Diese führte somit genau durch das Zentrum und die heutige Fußgängerzone der Stadt. Im April 1945 erfolgte zu Beginn der alliierten Besatzung die Rückbenennung ohne förmlichen Ratsbeschluss durch die Auswechselung der Straßenschilder.
Relevanz des Materials
Anhand der Umbenennungen zentraler Straßen und Plätze kann der Versuch der NSDAP aufgezeigt werden, schon vor der endgültigen „Machtergreifung“ die öffentliche Wahrnehmung zu lenken. Dabei zeugt die Dringlichkeit, mit welcher der nationalsozialistische Stadtabgeordnete zum frühstmöglichen Zeitpunkt diese Umbenennung zu veranlassen versuchte, von der Wichtigkeit, die die Nationalsozialist:innen dieser Propagandamaßnahme beimaßen. Dafür spricht auch der Umstand, dass derartige Umbenennungen von Straßen ab 1933 im gesamten Reichsgebiet veranlasst worden sind: Indem vorzugsweise zentrale Straßen umbenannt wurden, wirkte die NS-Propaganda direkt in das Alltagsleben der Bevölkerung hinein.
Der Protokollausschnitt und die Umbenennung von Straßen bietet zudem Anlass dazu, über den nationalsozialistischen Personen- und Heldenkult zu diskutieren. Dass etwa der Marktplatz nach Paul von Hindenburg benannt wurde, zeigt die Bedeutung, die ihm als Reichspräsident in der Anfangsphase des Regimes, insbesondere kurz nach dem „Tag von Potsdam“ noch zugeschrieben wurde. Mithilfe des Beispiels der „Ludwig-Knickmann-Straße“ hingegen kann die Erhöhung einzelner Persönlichkeiten zu „Märtyrern“ der NS-Bewegung thematisiert werden.
Dr. Hendrik Martin Lange / Mario Polzin
Das Stadtarchiv Coesfeld ist ein zentraler Erinnerungsort in Coesfeld. Es organisiert Gedenkfeiern und Vorträge, Unterrichtsmaterialien und Bildungsveranstaltungen. Aber vor allem: Es sichert das schriftliche Erbe der Stadt – dauerhaft und für jede und jeden zugänglich. Damit versucht es der Identität Coesfelds eine Heimat zu bieten – vom 12. Jahrhundert bis heute. Die Ratsprotokolle von 1923-1945 sind digitalisiert und online abrufbar. Außerdem gibt es einige Unterrichtsmaterialien zum Download.