Brief von Friedrich Schüler an seine Eltern (25. November 1941)
Text
Bochum 1941

Kurze Erläuterung

Seit der „Machtübertragung“ wurden als jüdisch Verfolgte systematisch von den Nationalsozialist:innen ausgegrenzt, entrechtet und brutal verfolgt. Boykotte, Berufsverbote, Enteignungen sowie gewaltsame Ausschreitungen wie die Pogrome vom 9./10. November 1938 führten dazu, dass immer mehr Menschen versuchten, aus dem Deutschen Reich zu fliehen. Viele hofften auf eine Aufnahme durch die Vereinigten Staaten, doch strenge Einwanderungsquoten und bürokratische Hürden erschwerten die Flucht erheblich. Eine vorübergehende Immigration nach Kuba erschien manchen als letzter Ausweg, doch Ereignisse wie die Irrfahrt der „St. Louis“ im Jahr 1939 machten deutlich, wie unsicher auch diese Option war. Mit dem im Oktober 1941 vom NS-Regime beschlossenen Ausreiseverbot für als jüdisch Verfolgte wurde jede legale Fluchtmöglichkeit endgültig zunichtegemacht. Rund 163.000 als jüdisch verfolgte Menschen waren im Reich gefangen und den Deportationen häufig schutzlos ausgeliefert. Auch die Familie Schüler aus Bochum war davon betroffen. Seit 1939 mussten Paul und Clothilde Schüler mit ihren Kindern in einem sogenannten „Judenhaus“ leben. Den Kindern Gerda Emma und Friedrich Theodor gelang im selben Jahr die Flucht in die USA.  Sie versuchten ihre Eltern zu retten und sie über Kuba zu sich nach Nordamerika zu holen. Regelmäßig schrieben sie ihnen Briefe, um die Eltern über den neuesten Stand der Ausreisevorbereitungen zu informieren. Letztendlich verhinderten das lange Warten auf die Visa und das Ausreiseverbot ihre Flucht. Am 27. Januar 1942 wurden Paul und Clothilde Schüler über den Bochumer Nordbahnhof nach Dortmund und von dort nach Riga deportiert und ermordet. Ihre Geschichte steht exemplarisch für die aktiven Versuche der Verfolgten, den Nationalsozialist:innen zu entkommen, und für die Hindernisse, die ihnen dabei in den Weg gelegt wurden.

Relevanz des Materials

Im vorliegenden Luftpostbrief vom 25. November 1941 berichtete Frederic T. Schuler – wie sich Paul und Clothildes Sohn Friedrich Theodor in den USA nannte – von den vergeblichen Bemühungen, ein Lebenszeichen seiner im Deutschen Reich verbliebenen Eltern zu erhalten. Gemeinsam mit seiner Schwester Gerda und ihren Verwandten organisierte er die Ausreise der Eltern, kümmerte sich um finanzielle Fragen und koordinierte Kontakte zu Hilfsorganisationen wie dem jüdischen „Hilfsverein“ in Essen und weiteren Familienmitgliedern. Diese unterzeichneten ebenfalls den vorliegenden Sammelbrief. Dem bangen Warten auf Nachrichten aus Deutschland stehen Frederics und Hugos Schilderungen eines beruflich erfolgreichen Lebens in Nordamerika gegenüber. Die Berichte über neue soziale Kontakte zu anderen Geflüchteten aus verschiedenen deutschen Städten wie Berlin, München oder Bochum können als bewusster Versuch gelesen werden, den Eltern Hoffnung zu vermitteln. Der Brief erreichte sie jedoch nie. Der infolge des Krieges unterbrochene Luftpostverkehr führte zur Rücksendung des Briefes, was der erhaltene Briefumschlag dokumentiert. Die Quelle ermöglicht somit eine personifizierte Auseinandersetzung mit Themen wie Flucht, Vertreibung und Verfolgung während des Holocaust aus der Perspektive einer als jüdisch verfolgten Familie aus Bochum. Die Arbeit mit den Nachlässen der Betroffenen hilft dabei, die individuellen Geschichten von als jüdisch verfolgten Menschen greifbar zu machen und dabei ihre Handlungsmacht hervorzuheben. Zudem können die Bürokratisierung der Ausreise, die sich immer weiter zuspitzenden Auswirkungen der „Vernichtungspolitik“ der Nationalsozialist:innen und Dimensionen jüdischer Selbsthilfe(-organisationen) im In- und Ausland thematisiert werden.

Elisa Gernert

Lernort 

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Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen