Prozessbericht zum Hamsterzug in Unna
Text
Unna 18.03./20.12.1919

Kurze Erläuterung
Trotz Waffenstillstand und Friedensschluss blieb die Ernährungslage im Deutschen Reich kritisch. Die alliierten Mächte hielten die Wirtschaftsblockade des Deutschen Reiches bis Sommer 1919 aufrecht. Zugleich wirkten Produktionsausfälle, Transportprobleme und die jahrelange Mangelwirtschaft nach. Lebensmittel waren streng rationiert, Schleichhandel und Diebstähle nahmen zu. Für viele Stadtbewohner wurde das „Hamstern“ zur Überlebensstrategie. Ganze Gruppen aus dem Ruhrgebiet zogen aufs Land. Die Versorgungskrise trieb viele in die Illegalität, schwächte das Vertrauen in staatliche Versorgungszusagen und schärfte das Feindbild vom „Schieber“ und „Wucherer“. Gleichzeitig wuchs das Gewaltpotenzial. In der Folge der Novemberrevolution entstanden zahlreiche bewaffnete Gruppen wie Bürger- und Einwohnerwehren, Arbeiterwehren und Freikorps. Auch im Raum Unna wurden Sicherheits- und Einwohnerwehren mit weit über tausend Mitgliedern aufgebaut. Der Unnaer Hamsterzug vom 18. März 1919 macht diese Entwicklung im Lokalen sichtbar: Hamsterer zogen in großer Zahl los, gestützt auf einen unter Druck erzwungenen Requisitionsschein. Organisiert wurden der Hamsterzug durch Kommissionen des Arbeiterrats und von einer bewaffneten Bürgerwehr begleitet, die beide mehrheitlich SPD-nah waren. Bauern und Landgemeinden mobilisierten Bürgerwehren aus Fröndenberg, Hemer und Strickherdecke. Aus dem Streit um beschlagnahmte Vorräte wurde ein Feuergefecht mit Toten und Verletzten. Der Unnaer Arbeiterrat verschaffte dem Zug eine scheinbare Legitimation, geriet nach dem Blutvergießen aber unter heftige Kritik. Einzelne Mitglieder traten zurück, andere verteidigten ihr Handeln als „gutes Recht“ der halbverhungerten Arbeiterschaft.

Relevanz des Materials
Der Prozessbericht über den „Unnaer Hamsterzug im Feuergefecht mit den Fröndenbergern“ vor dem Landgericht Dortmund zeigt, wie Hungerkrise und Schwäche der staatlichen Ordnung 1918/19 den Zusammenhalt in der Gesellschaft untergraben und in Gewalt münden. Der Prozess am 20.12.1919 vor der Strafkammer mit Anklagen wegen Landfriedensbruchs, Erpressung und Nötigung gegen Bergleute, Metallarbeiter und Mitglieder des Unnaer Arbeiterrats steht für die Bemühungen des jungen republikanischen Staates, diese aus sozialer Not und den politischen Spannungen der Revolutionszeit entstandene Gewalt zu begrenzen und mit rechtsstaatlichen Mitteln zu ahnden. Die Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen von wenigen Wochen bis zu fünf Monaten. Der Fall macht deutlich, dass die junge Weimarer Republik ihre demokratische Ordnung unter Bedingungen von Hunger, sozialer Unsicherheit und immer wieder aufflammender Gewalt im Alltag erst mühsam durchsetzen musste.

Leonard Dorn / Theresa Hiller

Lernort 

Das Stadtarchiv Unna bewahrt Urkunden, Akten, Karten, Fotos und Zeitungen zur Geschichte Unnas und der Ämter Unna-Kamen und Aplerbeck. Es ist im Zentrum für Information und Bildung (zib) am Lindenplatz untergebracht. Für den Unterricht bietet das Stadtarchiv vor Ort einen direkten Zugang zu Originalquellen: Städtische Unterlagen, Druckmedien und Nachlässe Unnaer Persönlichkeiten ermöglichen es Schülerinnen und Schülern forschend mehr über geschichtliche Themen zu lernen.

Ergänzend zum Stadtarchiv Unna bietet das Online-Projekt „Hellweg-Armageddon. Der Erste Weltkrieg in Unna“ einen leicht zugänglichen digitalen Quellenfundus. Das Blog stellt Zeitungsberichte, Fotografien, Postkarten und Kommentartexte zur „Heimatfront“ in Unna bereit und ordnet sie thematisch (z. B. Ernährung, Luftkrieg, Arbeiter- und Soldatenrat) sowie chronologisch nach Kriegsjahren. Die Quellen stammen aus Museen, Archiven und privaten Sammlungen. Damit eignet sich „Hellweg-Armageddon“ hervorragend, um Schülerinnen und Schüler ortsunabhängig mit lokalen Quellen zum Ersten Weltkrieg arbeiten zu lassen.
https://unna1914.hypotheses.org/

Stadtarchiv Unna