Hamsterzug ins Unnaer Umland
Text
Unna 18./21.03.1919

Kurze Erläuterung
Trotz Waffenstillstand und Friedensschluss blieb die Ernährungslage im Deutschen Reich kritisch. Die alliierten Mächte hielten die Wirtschaftsblockade des Deutschen Reiches bis Sommer 1919 aufrecht. Zugleich wirkten Produktionsausfälle, Transportprobleme und die jahrelange Mangelwirtschaft nach. Lebensmittel waren streng rationiert, Schleichhandel und Diebstähle nahmen zu. Für viele Stadtbewohner wurde das „Hamstern“ zur Überlebensstrategie. Ganze Gruppen aus dem Ruhrgebiet zogen aufs Land. Die Versorgungskrise trieb viele in die Illegalität, schwächte das Vertrauen in staatliche Versorgungszusagen und schärfte das Feindbild vom „Schieber“ und „Wucherer“. Gleichzeitig wuchs das Gewaltpotenzial. In der Folge der Novemberrevolution entstanden zahlreiche bewaffnete Gruppen wie Bürger- und Einwohnerwehren, Arbeiterwehren und Freikorps. Auch im Raum Unna wurden Sicherheits- und Einwohnerwehren mit weit über tausend Mitgliedern aufgebaut. Der Unnaer Hamsterzug vom 18. März 1919 macht diese Entwicklung im Lokalen sichtbar: Hamsterer zogen in großer Zahl los, gestützt auf einen unter Druck erzwungenen Requisitionsschein. Organisiert wurde der Hamsterzug durch Kommissionen des Arbeiterrats und von einer bewaffneten Bürgerwehr begleitet, die beide mehrheitlich SPD-nah waren. Bauern und Landgemeinden mobilisierten Bürgerwehren aus Fröndenberg, Hemer und Strickherdecke. Aus dem Streit um beschlagnahmte Vorräte wurde ein Feuergefecht mit Toten und Verletzten. Der Unnaer Arbeiterrat verschaffte dem Zug eine scheinbare Legitimation, geriet nach dem Blutvergießen aber unter heftige Kritik. Einzelne Mitglieder traten zurück, andere verteidigten ihr Handeln als „gutes Recht“ der halbverhungerten Arbeiterschaft. Im Hellweger Anzeiger äußerten sich anschließend einige der betroffenen Landwirte.

Relevanz des Materials
In dem Zeitungsartikel nehmen einige der betroffenen Landwirte Stellung zu den Ereignissen. Interessant ist, dass sie explizit zwischen den Gruppen unterscheiden. Während die Bergleute als gemäßigt und ihr Verhalten als zumindest in Teilen verständlich beschrieben wird, werden insbesondere die Mitglieder des Arbeiterrates aus Unna als Aggressoren dargestellt, die sich sowohl den Bauern als auch die anderen Bürgerwehren gegenüber gewalttätig verhalten hätten. Zum Ende der Stellungnahme hin betonten die Landwirte, dass sie einer Unterstützung der städtischen Bevölkerung durchaus zustimmen würden, jedoch in einem gesetzlich gestützten Rahmen. Aus der Stellungnahme lassen sich die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschen in der Nachkriegszeit und auch die unterschiedlichen Positionen der Gesellschaftsschichten zueinander herauslesen. Die juristischen Folgen des gewalttätigen Hamsterzuges lassen sich in dem Prozessbericht nachlesen.

 

Leonard Dorn / Theresa Hiller

Lernort 

Das Stadtarchiv Unna bewahrt Urkunden, Akten, Karten, Fotos und Zeitungen zur Geschichte Unnas und der Ämter Unna-Kamen und Aplerbeck. Es ist im Zentrum für Information und Bildung (zib) am Lindenplatz untergebracht. Für den Unterricht bietet das Stadtarchiv vor Ort einen direkten Zugang zu Originalquellen: Städtische Unterlagen, Druckmedien und Nachlässe Unnaer Persönlichkeiten ermöglichen es Schülerinnen und Schülern forschend mehr über geschichtliche Themen zu lernen.

Ergänzend zum Stadtarchiv Unna bietet das Online-Projekt „Hellweg-Armageddon. Der Erste Weltkrieg in Unna“ einen leicht zugänglichen digitalen Quellenfundus. Das Blog stellt Zeitungsberichte, Fotografien, Postkarten und Kommentartexte zur „Heimatfront“ in Unna bereit und ordnet sie thematisch (z. B. Ernährung, Luftkrieg, Arbeiter- und Soldatenrat) sowie chronologisch nach Kriegsjahren. Die Quellen stammen aus Museen, Archiven und privaten Sammlungen. Damit eignet sich „Hellweg-Armageddon“ hervorragend, um Schülerinnen und Schüler ortsunabhängig mit lokalen Quellen zum Ersten Weltkrieg arbeiten zu lassen.
https://unna1914.hypotheses.org/

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