Erkennungsdienstliche und rassenbiologische Einstufung von Klara Wagner
Textquelle
Münster am 02.04.1939

Kurze Erläuterung

Die Verfolgung von Sinti-Angehörigen und Roma-Angehörigen forcierte sich ab 1933 immer mehr. Diese Quelle zeigt beispielhaft, wie Personen systematisch in Kategorien, die zu Verfolgung geführt haben, ‚einsortiert‘ wurden und dass diese Einstufungen mit entgegengebrachten Stigmata und Vorurteilen zusammenhingen. Im Hinblick auf Klara Wagners Einstufung ist vor allem die Abnahme der Fingerabdrücke hervorzuheben, die vorab und ohne bestehenden Tatverdacht oder ähnliche Situationen durchgeführt wurde. In Kombination mit der handschriftlichen Bezeichnung „Zigeunermischling“ lässt dies auf rassistische Stigmatisierung und Vorverurteilung hinweisen. Auch der erneuerte Stempel der Kriminal-Abteilung der Polizei zeigt, dass an dieser Stelle grundlos eine Vorkriminalisierung stattfand. Bescheinigungen wie diese füllen Akten von Personen, die nicht ins nationalsozialistische „arische“ Ideal passen und erleichtern die Verfolgung vieler einzelner Personen.

Relevanz des Materials

Vorab sollte der Begriff „Zigeunermischling“ ausreichend kontextualisiert und erläutert werden, inwieweit dieser Begriff oder weitere Begriffe genutzt wurden, um rassistische Vorurteilsbildungen zu festigen. Darauf aufbauend bietet die Quelle die Möglichkeit, über Verfolgungsmaßnahmen von nationalsozialistischen Täterorganisationen zu sprechen, die in diesem Fall für Sinti-Angehörige und Roma-Angehörige galten. Kleine Hinweise wie das Abnehmen der Fingerabdrücke weisen darauf hin, dass rassistische Diskriminierung später zu Verfolgung und Ermordung führen konnten. Zudem bietet diese Quelle einen Einblick in behördliche Dokumente und ermöglicht es, über Handlungsspielräume von Ordnungspolizisten sprechen.

Hanna Kotzan

Lernort 

Die ehemalige Villa der Familie ten Hompel ist heute Münsters Geschichtsort für eine reflektierte und geschichtsbewusste Gesellschaft. Die Hausgeschichte – von einer Fabrikantenvilla zu Beginn des 20ten Jahrhunderts zur Kommandozentrale der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus, nach 1945 Ort der Entnazifizierung und der „Wiedergutmachung“ – spiegelt Etappen deutscher und europäischer Zeitgeschichte. Am Geschichtsort diskutiert Münsters Stadtgesellschaft u.a. ihre historische Verantwortung als „Schreibtisch Westfalens“ – nachdenklich, selbstkritisch und offen für den Dialog. Einer interessierten Öffentlichkeit werden Erkenntnisse in der Dauerausstellung „Geschichte – Gewalt – Gewissen“ vorgestellt. Zugleich ist die Villa ten Hompel ein wissenschaftlich-ethisches Forum, das nationales und internationales Renommee gewonnen hat. Forschung und Vermittlung zu Holocaust, Diktaturerfahrungen und den gegenwärtigen Herausforderungen durch Rechtsextremismus und Antisemitismus bilden den Kern des menschenrechtsorientierten Engagements.

Villa ten Hompel