Aufnahmemitteilung der Untersuchungshaftanstalt Bochum
Textquelle
Bochum 9. Februar 1943

Kurze Erläuterung

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 wurde der § 175 in das „Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich“ aufgenommen. Dieser Paragraf kriminalisierte sexuelle Handlungen zwischen Männern und stellte sie als sogenannte „widernatürliche Unzucht“ unter Strafe. Auch während der Weimarer Republik blieb § 175 bestehen und 1935 verschärften die Nationalsozialist:innen den Tatbestand erheblich. Nun konnte bereits der bloße Verdacht auf eine intime Beziehung zu einem anderen Mann zu einer Verhaftung führen. Zwischen 1933 und 1945 wurden rund 50.000 Männer nach dem § 175 verurteilt und inhaftiert. Circa 10.000 Männer wurden in KZ deportiert und ab etwa 1938 mit dem sogenannten „rosa Winkel“ gekennzeichnet, stigmatisiert und oft besonders brutal behandelt. Viele wurden ermordet. Die Verfolgung traf jedoch keine homogene Gruppe. Ob und wie die Männer verfolgt wurden, hing auch von weiteren Faktoren ab, etwa ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Herkunft oder Religion, politischen Haltung, sozialen Stellung oder von zeitgenössischen Geschlechternormen. Zudem identifizierten sich nicht alle Verfolgten selbst als homosexuell. Die Verfolgung des Bergmanns Hermann Hussmann (geb. 1908) aus Bochum, kann hier als regionales Beispiel dienen. Am 5. Februar 1943 wurde Hussmann durch die Bochumer Polizei verhaftet und einen Tag später verhört. Ihm wurde der Tatbestand „Unzucht mit Männern“ vorgeworfen; Rechtsbeistand hatte er zum Zeitpunkt des Verhörs keinen. Seine Wohnung wurde durchsucht und am 9. Februar 1943 wurde er vom Polizeigefängnis in der Uhlandstraße in die Untersuchungshaftanstalt Bochum überstellt.

Relevanz des Materials

Die Aufnahmemitteilung der Untersuchungshaftanstalt Bochum vom 9. Februar 1943 ist für den Unterricht von besonderer Bedeutung, da sie nationalsozialistische Verfolgung nach § 175 konkret am Beispiel der Geschichte Hermann Hussmanns verdeutlicht. Anhand des Verwaltungsdokuments lassen sich biografische Informationen zu dem Betroffenen, der vermeintliche Straftatbestand und die Tatsache, dass Hussmann keinerlei Vorstrafen hatte, erschließen. In Kombination mit weiteren Quellen dieses Lernpakets kann die Verfolgungsgeschichte Hussmanns erarbeitet werden. Darüber hinaus eröffnet die Quelle die Möglichkeit, Kontinuitäten der Verfolgung homosexueller Männer nach 1945 zu thematisieren.

Elisa Gernert

Lernort 

Das Landesarchiv NRW verwahrt an seinen drei Standorten Duisburg, Detmold und Münster historische Dokumente aus der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Die Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW entstand im Jahre 1829 als „Königliches Provinzialarchiv“ in Münster. Hier wurden Archivalien der aufgelösten alten Territorien und der säkularisierten Klöster der preußischen Provinz Westfalen zusammengeführt. Diese waren zuvor an verschiedenen Stellen des Landes in „Archivdepots“ gesammelt worden, um sie vor Zerstreuung und Verlust zu retten. Nach der Entstehung des Landesarchiv NRW 2004 wurde das Staatsarchiv Münster 2008 zur Abteilung Westfalen.
Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen