Kurze Erläuterung

Offen zur Schau getragener Antisemitismus ist keine Erfindung des Nationalsozialismus, sondern war auch bereits im Deutschen Kaiserreich sowie in der Weimarer Republik allgegenwärtig. Antisemitische Schriften wurden unverhohlen publiziert und teils auf offener Straße verteilt. In einem Flugblatt, das 1920 vom Detmolder Schriftsteller Friedrich Fischer unter dem Pseudonym „Germanikus“ in Umlauf gebracht worden ist, werden sowohl jüdische Verschwörungserzählungen propagiert als auch jüdische Gemeinden und Individuen angefeindet.

Relevanz des Materials

Anhand des Flugblatts lassen sich zahlreiche Elemente zeitgenössischen Antisemitismus erarbeiten. Das Spektrum reicht vom Herbeireden großangelegter jüdischer Verschwörungen bis hin zur Verleumdung einer bestimmten, auch ohne direkte Namensnennung eindeutig zu identifizierenden Person.
Der im Flugblatt erwähnte jüdische Lehrer ist Moritz Rülf, der sich nach seiner Anstellung im Jahre 1919 zahlreichen antisemitischen Kampagnen ausgesetzt sah, die sowohl von Bürger:innen der Stadt als auch dem Lippischen Lehrerverein und der Landeskirche ausgingen. Rülf wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Anschließend ist seine Person in den Akten nicht mehr zu fassen.
Der Autor des Flugblattes, der hier unter dem nationalistischen Pseudonym „Germanikus“ publizierte und oftmals mit selbstgewähltem Namenszusatz als Friedrich Fischer-Friesenhausen (1886–1960) geführt wird, wurde zwar aufgrund seiner antisemitischen Schriften mehrfach zu geringen Geldstrafen verurteilt, konnte diese aber dennoch weiter verbreiten. Zusätzlich kann anhand seiner Person über den teils sehr unkritischen Umgang mit bekennenden Antisemit:innen in der Bundesrepublik Deutschland diskutiert werden: Fischer wurde noch in den 80er Jahren ausdrücklich von der Lippischen Landes-Zeitung für seine „klare Sprache und zarte Lyrik“ gelobt.

Mario Polzin

Lernort 

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