Vogel, flieg in die Welt hinaus
Textquelle
Dortmund 1904/06

Kurze Erläuterung:

Das um 1904/06 in Dortmund-Hörde überlieferte Lied „Vogel flieg in die Welt hinaus“ thematisiert die Erfahrung eines jungen Mannes, der seine Heimat und seine Mutter verlässt, um in der Fremde sein Glück und wirtschaftlichen Erfolg zu suchen. Die im Westfälischen Volksliedarchiv dokumentierte Fassung wurde nach den Angaben zur Quelle von einem Kindermädchen in Dortmund-Hörde gelernt und ist damit unmittelbar im hochindustrialisierten Ruhrgebiet des frühen 20. Jahrhunderts überliefert. Das Lied selbst nennt allerdings weder den Bergbau noch eine bestimmte Herkunfts- oder Zuwanderungsregion. Es sollte daher nicht als spezifisches Bergarbeiter- oder Migrantenlied verstanden werden, sondern als zeitgenössisches Wanderungs- und Abschiedslied, dessen Motive sich in besonderer Weise mit den Erfahrungen der Arbeitsmigration im Ruhrgebiet verbinden lassen. Im Mittelpunkt des Liedes stehen Aufbruch, Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg, Trennung von der Familie, Fremdheit und Verlust. Der junge Mann verlässt seine Mutter und zieht in die Fremde, wo er nach einem besseren Leben strebt. Damit greift das Lied Erfahrungen auf, die für zahlreiche Menschen kennzeichnend waren, die während der Industrialisierung ihre Herkunftsregionen verließen und in die expandierenden Industriereviere zogen. Gerade das Ruhrgebiet entwickelte sich durch den enormen Arbeitskräftebedarf von Bergbau und Schwerindustrie zu einem zentralen Ziel solcher Wanderungsbewegungen.

Relevanz des Materials:

Das Lied eignet sich besonders, um die Arbeitsmigration in das Ruhrgebiet aus einer subjekt- und erfahrungsgeschichtlichen Perspektive zu untersuchen. Die Schülerinnen und Schüler können aus dem Lied eine Wirkungskette herausarbeiten: von der Hoffnung auf ein besseres Leben über das Verlassen der Heimat und die Trennung von der Familie bis zu den möglichen Erfahrungen von Fremdheit, Verlust und gescheiterten Erwartungen. Migration erscheint dadurch nicht lediglich als räumliche Bewegung von Arbeitskräften, sondern als biografischer Einschnitt, der sowohl die Migrantinnen und Migranten als auch die zurückbleibenden Familien betrifft.

Zugleich ermöglicht das Lied eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Montanindustrie insbesondere in den Dimensionen Wirtschaft und Gesellschaft. Wirtschaftlich bildet der industrielle Arbeitsmarkt des Ruhrgebiets den historischen Kontext, in dem die Aussicht auf Verdienst und sozialen Aufstieg Wanderungsbewegungen begünstigte. Gesellschaftlich verweist das Lied auf die persönlichen und familiären Konsequenzen solcher Mobilität. Die Gegenüberstellung von erhofftem wirtschaftlichem Erfolg und dem Verlust familiärer Nähe bietet Ansatzpunkte für Fragen nach Push- und Pull-Faktoren, Heimatvorstellungen, sozialen Bindungen, Erwartungen an Migration und Erfahrungen in der Fremde. Dabei kann zugleich herausgearbeitet werden, dass wirtschaftliche Motive und persönliche Erfahrungen nicht voneinander zu trennen sind: Die Entscheidung, andernorts Arbeit und Wohlstand zu suchen, konnte tiefgreifende Veränderungen familiärer und sozialer Beziehungen nach sich ziehen.

Darüber hinaus bietet das Material die Möglichkeit, zwischen der historischen Aussagekraft des Liedes und seiner konkreten Überlieferungssituation zu unterscheiden. Aus dem Lied lässt sich nicht ableiten, dass der beschriebene junge Mann Bergarbeiter war oder dass das Lied eigens im Zusammenhang mit der Zuwanderung in das Ruhrgebiet entstanden ist. Unter dem Titel „Vogerl, fliagst in d’ Welt hinaus“ ist das Stück auch als Wienerlied nachweisbar. Der Text stammt von dem Wienerliedinterpreten Josef Hornig (1861–1911), die Vertonung von Alexander Hornig (1885–1947). Eine historische Tonaufnahme des „Nachtschwärmer-Terzetts“ ist bereits für die Zeit vor 1914 überliefert. Seine Überlieferung in Dortmund-Hörde um 1904/06 ist jedoch für die historische Einordnung bedeutsam. In einer Region, deren Bevölkerung durch Industrialisierung und starke Zuwanderung geprägt war, konnten die im Lied verarbeiteten Erfahrungen von Aufbruch, Fremde und familiärer Trennung eine besondere Bedeutung erhalten. Die Schülerinnen und Schüler können auf diese Weise zugleich für einen kritischen Umgang mit historischen Quellen sensibilisiert werden: Das Lied ist kein unmittelbarer Beleg für die Arbeits- und Lebensbedingungen von Bergleuten, wohl aber eine Quelle für zeitgenössische Vorstellungen und Deutungen von Migration, Fremde und Heimat.

Eyline Hinrichs

Lernort 

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