Rede Wilhelms II. für die Provinz Westfalen
Textquelle
Münster am 31.08.1907

Kurze Erläuterung

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 unter Führung Preußens hat zwar den politischen Rahmen für eine gemeinsame deutsche Nation ergeben. Allerdings bestand nicht von vornherein ein „einiges“ Kaiserreich mit einer analog „einigen“ Bevölkerung, sondern musste erst als Nationalstaat etabliert werden- allein vor dem Hintergrund vieler Regionalidentitäten, die sich im Zuge der Kleinstaaten gebildet haben, aber auch auf konfessioneller, wirtschaftlicher und ethnischer Ebene. Ein wesentliches Mittel, um eine stärkere Einigung zu erzielen, lag in einem intensivierten Nationalismus: Das Kaiserreich sollte als einigender Bezugspunkt hergestellt werden. Untermauert wurde dieser durch allgegenwärtige nationale Symbole, wie bspw. die Glorifizierung von Einzelpersonen wie Otto von Bismarck, aber auch die stetige Erinnerung an die Einigungskriege. Diese Strategien gingen allerdings in der Abgrenzung von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen einher, bspw. Juden und Jüdinnen. Gerade unter Kaiser Wilhelm II. wurde dieser Nationalismus eng auch mit einem starken Sendungsbewusstsein nach außen verbunden, der im Zuge des Hochimperialismus die Stärke, Fortschrittlichkeit sowie den Platz des Deutschen Kaiserreiches unter die führenden Nationen betonte. Die Stärke des Deutschen Kaiserreiches sowie ein Lob eines „vereinten“ Westfalens sind wesentliche Themen in der von Kaiser Wilhelm II. im Münsteraner Landesmuseum im Rahmen eines Festmahls für Münster gehaltenen Rede 1907.

Relevanz des Materials

Anhand der Rede Kaiser Wilhelms II. lassen sich deutsches Sendungsbewusstsein und Ausprägungen deutschen Nationalismus erarbeiten. Das Zitat „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ fasst das Sendungsbewusstsein und die Überzeugung, eine vermeintliche überlegene deutsche Kultur würde das Leben aller Menschen verbessern, in einem Satz zusammen. Der Satz wurde 1861 vom Dichter Emanuel Geibel geprägt; dieser bezog sich zu einer Zeit, in der es noch keinen gemeinsamen deutschen Nationalstaat gab, damit auf die Deutsche Einheit, die die politische Lage in Europa stabilisieren und so zum Frieden beitragen würde. Kaiser Wilhelm II. benutzte das Zitat bei Rede im Landesmuseum in Münster in einem neuen Kontext. Wilhelm II. spricht vom Deutschen Volk als Fundament für Gottes „Kulturwerke an der Welt“. Dadurch wird Geibels Satz als Bild ein Sendungsbewusstsein der überlegenen deutschen Kultur verwendet In diesem Zusammenhang unterstreicht Wilhelm II. die Vorbildfunktion Westfalens für die gesamtdeutsche Gesellschaft,  welche ein gutes Beispiel dafür sei, wie „historische, konfessionelle und wirtschaftliche Gegensätze […] in versöhnlicher Weise zu einen in der Liebe und Treue zum gemeinsamen [einen].“ Beispielhaft nennt er die Wirtschaftsleistung Westfalens – allen voran die Industrie – die „von aller Welt“ beneidet sei und von Wilhelm II. als Beispiel deutscher Überlegenheit skizziert wird.

Daniel Sobanski / Andrea Lorenz

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