Kurze Erläuterung
Im November 1918 entstand mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) ein neues konservatives Bündnis der monarchistischen, nationalkonservativen und völkisch orientierten Rechten. Ihre Mitglieder lehnten die Revolution, die junge Republik und die Demokratisierung weitgehend ab. Typische Themen waren dabei der „nationale Gedanke“, Ordnung und ein starker Staat. Die umfassende Sozialisierung durch die neue demokratische Regierung wurde abgelehnt und stattdessen an der Monarchie und traditionelle Symboliken (schwarz-weiß-rot) festgehalten. Damit positionierte sich die Partei klar als Gegenpol zu Sozialdemokratie, Arbeiter- und Soldatenräten sowie der republikanischen Neuordnung. Zugleich erhob sie den Anspruch, eine soziale und christlich geprägte Volkspartei rechts der Demokraten zu sein. Der Zeitungsartikel des Hellweger Anzeigers berichtet über eine Versammlung der erst kurz zuvor gegründeten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in Unna am 28. Dezember 1918, also mitten in der Umbruchphase der Novemberrevolution. In den Reden treten die oben beschriebenen Themen deutlich hervor, gleichzeitig werden aber auch schon antisemitische Tendenzen der deutschnationalen Bewegung deutlich, die innerhalb der Zuhörerschaft noch auf Ablehnung stießen, in späteren Parteiprogrammen aber aufgenommen wurden. Die örtlichen Leiter der DNVP-Versammlung distanzieren sich im Nachhinein öffentlich von der antisemitischen Zuspitzung und erklären, man hätte die Rede in dieser Form nicht zugelassen, wenn man sie vorher gekannt hätte. Die Ergebnisse der Wahl zur ersten Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 zeigen, dass in Unna zunächst die sozialdemokratisch-republikanischen Milieus den politischen Ton angaben. Die SPD erreichte 46 Prozent der Stimmen, die DNVP 19,7 Prozent. Die bürgerlich-liberalen und katholischen Kräfte waren vergleichsweise schwach. Deutschnational-konservative Republikfeinde bildeten von Anfang an eine bedeutende, aber keineswegs mehrheitsfähige Gegenkraft.

Relevanz des Materials
Der Zeitungsartikel lässt sich in zwei Teile aufteilen. Zunächst erfolgt eine knappe Zusammenfassung der Veranstaltung, die für sich schon einen Einblick in die Ereignisse der Versammlung gibt und auch alleine untersucht werden könnte. Der zweite ausführlichere Bericht protokolliert die Versammlung, gibt die Inhalte der Reden wieder und kann zur inhaltlichen Vertiefung genutzt werden. Es lassen sich mehrere Aspekte herausarbeiten:  Niederlage und Revolution werden von den Rednern nicht als Ergebnis militärisch-politischer Übermacht der Gegner, sondern als Folge eines angeblichen moralischen und sittlichen Verfalls der deutschen Nation gedeutet. Bemerkenswert ist jedoch die zeitgenössische Reaktion im Saal: Ein Teil der Zuhörerschaft, offenbar aus unterschiedlichen politischen Lagern, reagiert mit heftigem Protest auf die pauschale Abwertung sowohl des deutschen Volkes als auch der jüdischen Bevölkerung. Mehrere Zwischenrufer verweisen auf jüdische Frontsoldaten und gefallene Verwandte. Die antisemitische Argumentation ist 1918/19 in weiten Teilen des rechten Spektrums, insbesondere im Umfeld der DNVP, anschlussfähig und ideologisch verankert. Andererseits stößt offener, aggressiver Antisemitismus bei vielen Zeitgenossen, auch im bürgerlich-konservativen Lager, noch auf deutlichen Widerspruch – insbesondere in einer Zeit, in der zur nationalen Geschlossenheit aufgerufen wurde. Schließlich macht der Bericht die Rolle des Arbeiter- und Soldatenrats vor Ort sichtbar: Seine Vertreter sorgen für Redefreiheit und beenden die eskalierende Situation, indem sie den Redner unter Schutz aus dem Saal führen. Damit erscheinen die Räte im Kontrast zum Feindbild der DNVP als Garant für Ordnung und Sicherheit in der politischen Kultur der frühen Revolutionszeit in Westfalen.

Leonard Dorn / Theresa Hiller

Lernort 

Das Stadtarchiv Unna bewahrt Urkunden, Akten, Karten, Fotos und Zeitungen zur Geschichte Unnas und der Ämter Unna-Kamen und Aplerbeck. Es ist im Zentrum für Information und Bildung (zib) am Lindenplatz untergebracht. Für den Unterricht bietet das Stadtarchiv vor Ort einen direkten Zugang zu Originalquellen: Städtische Unterlagen, Druckmedien und Nachlässe Unnaer Persönlichkeiten ermöglichen es Schülerinnen und Schülern forschend mehr über geschichtliche Themen zu lernen.

Ergänzend zum Stadtarchiv Unna bietet das Online-Projekt „Hellweg-Armageddon. Der Erste Weltkrieg in Unna“ einen leicht zugänglichen digitalen Quellenfundus. Das Blog stellt Zeitungsberichte, Fotografien, Postkarten und Kommentartexte zur „Heimatfront“ in Unna bereit und ordnet sie thematisch (z. B. Ernährung, Luftkrieg, Arbeiter- und Soldatenrat) sowie chronologisch nach Kriegsjahren. Die Quellen stammen aus Museen, Archiven und privaten Sammlungen. Damit eignet sich „Hellweg-Armageddon“ hervorragend, um Schülerinnen und Schüler ortsunabhängig mit lokalen Quellen zum Ersten Weltkrieg arbeiten zu lassen.
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