Kurze Erläuterung

Das Münsterland war in der Weimarer Republik zutiefst katholisch geprägt, weit über 90 Prozent der Bevölkerung des Kreises Coesfeld gehörte zur römisch-katholischen Kirche und deren vielfältigen Organisationen und Vereinen. So erklärt sich auch die starke Stellung der katholischen Zentrumspartei, die immer die absolute Mehrheit der Stimmen bekam.
Die Ergebnisse der Reichstagswahlen in Coesfeld verdeutlichen die konfessionelle Prägung der Stadt. Die katholische Zentrumspartei dominierte mit stabiler absoluter Mehrheit, obwohl ihr Stimmenanteil zwischen 1919 und 1933 leicht zurückging. Dieser Erfolg resultierte aus dem starken Einfluss der katholischen Kirche und ihrer Organisationen, die das politische und soziale Leben der Stadt maßgeblich bestimmten.
Erst ab 1930, im Kontext der Weltwirtschaftskrise, erzielten radikale Parteien wie die KPD und NSDAP nennenswerte Erfolge. Während die KPD vor allem Arbeiter ansprach, mobilisierte die NSDAP zunehmend die Mittelschicht und ländliche Bevölkerung. Die Entwicklung in Coesfeld spiegelt den Einfluss regionaler und konfessioneller Faktoren auf die politischen Veränderungen der Weimarer Republik wider.

Relevanz des Materials

Das Material bietet dahingehend Potenzial, die Frage der Demokratiebildung zu thematisieren und die Bedeutung von konfessionellen, sozialen und ökonomischen Faktoren für politische Entscheidungsprozesse zu erschließen. Denn erst mit der Weltwirtschaftskrise ab 1930 konnten Kommunisten, und noch deutlicher die Nationalsozialisten, vermehrt Stimmen bei den Reichtagswahlen in Coesfeld für sich gewinnen.
Große Teile der Bevölkerung trauerten Kaiser Wilhelm II. nicht nach nach, aber sehnten sich allgemein zurück nach der „guten alten Zeit“. Auch die katholische Zentrumspartei, die in vielen Regierungen in der Weimarer Zeit vertreten war, hatte zumindest in Teilen starke Vorbehalte gegenüber der Demokratie. Die konfessionelle Prägung Coesfelds und der Einfluss der katholischen Kirche ermöglichen es, politische Stabilität und langfristige Bindungen an Parteien zu thematisieren, während der schrittweise Aufstieg von KPD und NSDAP ab 1930 die sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Krise anschaulich macht. Dies eröffnet Potenzial einen Vergleich zur heutigen Zeit und dem Einfluss der Kirche zu ziehen. Auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann dies als Ausgangspunkt für gewinnbringende Diskussionen und einen Alltagsbezug genutzt werden.

Dr. Hendrik Martin Lange / Sebastian Sayn

Lernort 

Das Stadtarchiv Coesfeld ist ein zentraler Erinnerungsort in Coesfeld. Es organisiert Gedenkfeiern und Vorträge, Unterrichtsmaterialien und Bildungsveranstaltungen. Aber vor allem: Es sichert das schriftliche Erbe der Stadt – dauerhaft und für jede und jeden zugänglich. Damit versucht es der Identität Coesfelds eine Heimat zu bieten – vom 12. Jahrhundert bis heute. Die Ratsprotokolle von 1923-1945 sind digitalisiert und online abrufbar. Außerdem gibt es einige Unterrichtsmaterialien zum Download.

Stadtarchiv Coesfeld