Annonce „Hat die Republik Grund zu feiern?“
Textquelle
Siegen am 10.08.1929

Kurze Erläuterung

Zehn Jahre nach Inkrafttreten der Weimarer Verfassung sahen sich viele Staatsbürger der Republik schwierigen Lebensumständen ausgesetzt. Zwar waren die Jahre zwischen 1924 und 1929 nach der Bewältigung der Hyperinflation von wirtschaftlichem wie kulturellem Aufschwung gezeichnet, was ihnen auch den vielzitierten Beinamen „Goldene Zwanziger“ einbrachte, dennoch litten trotz der bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 anhaltenden positiven Entwicklung noch immer Millionen von Menschen unter Armut, Hunger, prekären Wohnverhältnissen und Arbeitslosigkeit.
Diese Umstände versuchten deutschnationale und antidemokratische Gruppierungen für ihre Absichten propagandistisch auszunutzen und führten gemeinsam Kampagnen gegen die Weimarer Verfassung sowie vor allem auch gegen den neuen Young-Plan zur Zahlung der im Versailler Vertrag festgelegten Reparationszahlungen.

Relevanz des Materials

Anhand der vorliegenden Werbung für eine völkisch-nationale Kundgebung aus der Siegener Zeitung vom 10. August 1929 können sowohl einige soziale und politische Probleme der Zeit unmittelbar vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise als auch wichtige Akteure der antidemokratischen Bewegung erarbeitet werden. Schon der Anlass der Kundgebung, nämlich die amtliche Jubiläumsfeier zum 10. Jahrestag des Inkrafttretens der Weimarer Verfassung, deutet auf die antidemokratische Gesinnung der Veranstalter hin: Die Kundgebung wird eindeutig als Gegenveranstaltung dargestellt. Gleichzeitig werden Probleme der Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik aufgeführt, anhand derer die Anliegen und Sorgen der Bevölkerung erarbeitet werden können. Dabei können propagandistische Aspekte analysiert werden, da teils bewusst positive Entwicklungen verschwiegen oder sogar ins Umgekehrte verdreht werden, wie es etwa im Fall der „fortschreitenden Verelendung“ zu erkennen ist, denn dass sich dieser Punkt aufgrund der kurz darauf beginnenden Weltwirtschaftskrise doch bewahrheiten sollte, konnte den Veranstaltern zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst sein. Auch überspitzte Parolen, wie etwa die „Versklavung des deutschen Volkes an die internationale Hochfinanz im Pariser Tributplan“, was eine Kritik des Young-Plans bzw. der im Versailler Vertrag festgelegten Reparationszahlungen bedeuten soll, können auf propagandistische Formulierungen, insbesondere auch in Bezug auf antisemitische Vorstellungen bezüglich „internationaler Hochfinanz“, untersucht und inhaltlich diskutiert werden.
Die Anzeige bietet zudem Anlass, die unterzeichnenden Gruppierungen, wie etwa den Stahlhelm und den Alldeutschen Verband, zu thematisieren. Dabei kann etwa besonderes Augenmerk auf den Alldeutschen Verband und dessen – nicht explizit genannten – Gründungsmitglied Alfred Hugenberg gelegt werden, denn bei diesem handelt es sich seinerseits um einen großen Medienunternehmer, der in seinen zahlreichen Zeitungen dieselbe Propaganda großflächig verbreitete und somit maßgeblich an der Zersetzung des Weimarer Staates beteiligt gewesen ist. Dahingehend kann auch die Platzierung der Anzeige in der Siegener Zeitung, auf Seite 8 zwischen Todes-, Geburten- und Werbeanzeigen, analysiert werden, wobei die Gegenveranstaltung jedoch auch in einem früheren Abschnitt über die Verfassungsfeier kurz genannt wird.

Mario Polzin

Lernort 

Das Stadtarchiv Siegen verwahrt historisch bedeutsame Dokumente seit dem 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Das Stadtarchiv übernimmt Unterlagen mit bleibendem Wert aus der Stadtverwaltung zur dauerhaften Aufbewahrung, Erhaltung, Erschließung und Einsichtnahme für die Öffentlichkeit. Ergänzend nimmt das Stadtarchiv Unterlagen privater Herkunft entgegen und legt thematische Sammlungen an. Es dokumentiert historisch, politisch und gesellschaftlich bedeutsame Ereignisse und Entwicklungen für die Stadt Siegen und trägt zur Rechtssicherheit in öffentlichen und privaten Belangen bei.
Als zentrale Dokumentationseinrichtung ist das Stadtarchiv Ansprechpartner bei allen Fragen zur Siegener Geschichte. Als stadthistorisches Kompetenzzentrum unterstützt es die Geschichtsforschung. Über Kooperationen mit der Universität Siegen und örtlichen Schulen werden Forschung und Lehre unterstützt.

Stadtarchiv Siegen