Thorshammer-Anhänger
Sachquelle
Warendorf 2. Hälfte 8. Jhd. n. Chr.

Kurze Erläuterung

Im Zuge der sogenannten „Sachsenkriege“ unterwarf der fränkische König Karl der Große das Volk der Sachsen, das zu diesem Zeitpunkt in etwa den Bereich zwischen Rhein und Eider sowie zwischen Nordsee und Harz besiedelte. Die Kriege begannen im Jahr 772 und endeten etwa im Jahr 804, als der Missionar Liudger zum ersten Bischof von Münster ernannt wurde. Damit war Westfalen nicht nur ein Teil des fränkischen Reiches geworden, gleichzeitig sollte auch der christliche Glauben unter den Westfalen verbreitet werden, die bis dahin noch paganen Glaubensvorstellungen folgten. Von diesen Glaubenswelten haben sich kaum materielle Zeugnisse bis in die Gegenwart erhalten, weshalb nur wenig über sie bekannt ist.
Im Jahr 2001 wurde jedoch bei Ausgrabungen in Warendorf im Münsterland in den Resten eines altsächsischen Hauses ein Anhänger mit zwei Thorshämmern entdeckt. Bei ihnen handelt es sich um Symbole des paganen Gottes Thor (regional auch Donar). Sie werden auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts datiert und stammen damit aus der Zeit unmittelbar vor oder während der Sachsenkriege Karls des Großen und der mit ihnen verbundenen Christianisierung Westfalens.

Relevanz des Materials

Anhand des Thorshammer-Anhängers lässt sich ein Bezug zwischen den vorchristlichen Glaubenswelten der Westfalen mit jenen anderer Teile des heutigen Deutschlands und Skandinaviens herstellen. Insbesondere in der Popkultur ist der skandinavische Gott Thor mit dem skandinavischen Raum und den medial recht präsenten „Wikingern“ verbunden, welche darüber hinaus kaum in engere Verbindung mit den Westfalen gebracht werden können. Insofern kann der Anhänger auch als Anlass dazu dienen, den überregionalen Austausch von Wissen und Glaubensvorstellungen in vorschriftlicher Zeit zu thematisieren, und diesen in Kontrast mit der von Karl dem Großen geförderten Schriftkultur zu setzen. Während also das Christentum in seinen Grundzügen schriftlich fixiert und somit im Kern überall gleichbleibt, können schriftlose Glaubenssysteme wesentlich größere Variationen aufweisen, sodass Informationen, die uns heute über die vorchristlichen Vorstellungen Skandinaviens bekannt sind, trotz gleicher oder ähnlicher Symbolik nicht mit Sicherheit auf Westfalen übertragbar sind.
Da der seltene Fund des Thorshammer-Anhänger ausgerechnet aus der Zeit der Sachsenkriege stammt, kann dieser wohl auch als explizites Symbol der Abgrenzung zum Christentum verstanden werden. Aufgrund des Fehlens älterer Relikte dieser Art kann also der Schluss gezogen werden, dass die Christianisierung die Übernahme der Symbolik, ähnlich wie im skandinavischen Raum, vielleicht erst notwendig gemacht hat.

Mario Polzin

Lernort 

Das LWL-Museum in der Kaiserpfalz zeigt archäologische Funde aus Paderborn und Westfalen vom 6.-12. Jahrhundert. Gezeigt werden Exponate des frühen Mittelalters zu Themen wie der Christianisierung durch Karl des Großen, aber auch Gradbeigaben, Waffen und Schmuck. Neben der Dauerausstellung gibt es auch jährlich wechselnde Sonderausstellungen.

LWL-Museum in der Kaiserpfalz