Sage „Jobst von Strünkede“
Textquelle
Herne / Recklinghausen im 16. Jhd.

Kurze Erläuterung

Im späten Mittelalter verschlechterten sich die ökonomischen Umstände für den niederen Adel immens und auch militärisch wurden sie von ihren Lehensgebern immer öfter durch Söldnerheere ersetzt, sodass für sie auch Soldzahlungen und Beute aus Plünderungen als Einkommensquellen immer seltener wurden. Das führte zur fortschreitenden Verarmung vieler Landadliger, die sich immer öfter nur noch gewaltsam ihren Lebensunterhalt erstreiten konnten. Im 19. Jahrhundert kommt für diese Gruppe Adliger der bis heute geläufige Begriff „Raubritter“ auf, aber schon im Spätmittelalter selbst wird über sie berichtet. Werner Rolevinck (1425-1502) etwa, der oft als der „erste Historiker Westfalens“ bezeichnet wird, berichtet schon um das Jahr 1478 davon, dass Westfalen berüchtigt für adlige „Freibeuter“ sei: „Längst schon geht es in einem Verse durch die Welt: ‚Der Westfale ist ein Räuber.‘“
Um einen solchen „Räuber“ geht es auch in der Sage von „Jobst von Strünkede“, einem Adligen aus Herne, der die Einwohner von Recklinghausen tyrannisiert und schließlich von ihnen erschlagen wird.

Relevanz des Materials

Anhand der Sage lässt sich das angespannte Verhältnis zwischen städtischer Bevölkerung und niederem Adel im Spätmittelalter thematisieren. Denn auch wenn die historisch greifbare Person Jobst von Strünkede wohl niemals ein solcher „Raubritter“ gewesen sein wird (hier vermischt sich der frühe, vermutlich natürliche, Tod Jobst mit den Gewalttaten seines Vaters Renyar zu einer literarischen Figur), so haben derartigen Konflikte zwischen der Herner Adelsfamilie Strünkede und der Stadt Recklinghausen tatsächlich bestanden. Der Umstand, dass der tyrannische Adlige trotz seiner militärischen Überlegenheit, wie sie in den Versen deutlich wird, von einem namenlosen Städter erschlagen wird, zeugt darüber hinaus vom Selbstbewusstsein der spätmittelalterlichen Bürgertums: Sie wollen sich nicht länger dem aus ihrer Sicht ungerechten und tyrannischen Adel unterwerfen und stellen mit dieser Sage ihre Emanzipation und Stärke zur Schau.
In der Weimarer Republik wurde diese Sage noch einmal auf Notgeldscheinen der Stadt Herne reproduziert, sodass mit ihr auch auf Parallelen in der Geschichte hingewiesen werden kann.

Mario Polzin

Lernort 

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