Französische Geflüchtete vor Münster
Bildquelle
Münster 1794/95

Kurze Erläuterung

Das Aquarell zeigt französische Emigranten, die 1794/95 vor den Toren Münsters aufgenommen werden. Seit Beginn der Französischen Revolution 1789 flohen zahlreiche Angehörige des Adels und später besonders des katholischen Klerus aus Frankreich. Die Radikalisierung der Revolution ab 1792, die Abschaffung der Monarchie, die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die Terrorherrschaft 1793/94 verstärkten diese Fluchtbewegung. Die meisten Emigranten betrachteten ihren Aufenthalt dabei als vorübergehendes Exil und hofften auf eine Rückkehr nach Frankreich.

Durch die Revolutionskriege gelangten seit 1792 immer mehr Flüchtlinge nach Westfalen. Ihre Aufnahme war zunächst umstritten. Während Fürstbischof Maximilian Franz eine restriktive Emigrantenpolitik verfolgte, setzte sich Generalvikar Franz von Fürstenberg besonders für verfolgte und mittellose französische Geistliche ein. Darin lässt sich zugleich eine Verbindung zur katholischen Aufklärung in Münster erkennen, deren zentraler Vertreter Fürstenberg war: Christlicher Glaube sollte mit Vernunft, Menschenliebe und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden werden. Mit der zunehmenden Verfolgung katholischer Priester in Frankreich wuchs auch in der Bevölkerung die Solidarität. 1794/95 fanden so über 2.000 französische Geistliche im Fürstbistum Münster Aufnahme.

Relevanz des Materials

Das Aquarell eignet sich besonders, um die Auswirkungen der Französischen Revolution auf Westfalen sowie Flucht und Migration als Folgen revolutionärer Umbrüche herauszuarbeiten. Während die Revolution in Westfalen zunächst vor allem aus der Distanz wahrgenommen wurde, wurden ihre Folgen durch die Ankunft zahlreicher französischer Emigranten unmittelbar erfahrbar. Zugleich knüpft es an die zuvor greifbare katholische Aufklärung in Münster an: Die bei Fürstenberg erkennbare Verbindung von Religion, Menschenliebe und gesellschaftlicher Verantwortung erhält angesichts der französischen Revolutionsflüchtlinge eine konkrete politische und soziale Dimension.

Aufschlussreich ist zum einen die Darstellung der Emigranten mit leichtem Gepäck. Sie erscheinen als unmittelbar von der Revolution Betroffene, die Heimat, Besitz und gesellschaftliche Stellung zurücklassen mussten. Dies ermöglicht einen Perspektivwechsel auf die Folgen der Revolution für Adel und Klerus und kann eine einseitige Wahrnehmung der Revolution als reine Befreiungs- und Fortschrittsgeschichte differenzieren. Zum anderen ist die religiöse Inszenierung und die besondere Rolle Münsters hervorzuheben. Maria und das Kreuz deuten die Aufnahme der Emigranten als christliche Pflicht und Ausdruck von Nächstenliebe. Gerade im katholisch geprägten Fürstbistum Münster konnte daran angeknüpft werden: Unter Fürstenberg entwickelte sich insbesondere gegenüber den verfolgten französischen Geistlichen eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft. Die idealisierte Darstellung kann schließlich mit der konfliktreicheren historischen Realität kontrastiert werden.

Eyline Hinrichs

Lernort 

Das Landesarchiv NRW verwahrt an seinen drei Standorten Duisburg, Detmold und Münster historische Dokumente aus der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Die Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW entstand im Jahre 1829 als „Königliches Provinzialarchiv“ in Münster. Hier wurden Archivalien der aufgelösten alten Territorien und der säkularisierten Klöster der preußischen Provinz Westfalen zusammengeführt. Diese waren zuvor an verschiedenen Stellen des Landes in „Archivdepots“ gesammelt worden, um sie vor Zerstreuung und Verlust zu retten. Nach der Entstehung des Landesarchiv NRW 2004 wurde das Staatsarchiv Münster 2008 zur Abteilung Westfalen.
Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen