Kurze Erläuterung
Der Brief Franz von Fürstenbergs vom 2. August 1775 entstand in einer entscheidenden Phase seiner Reformtätigkeit im Hochstift Münster. Als Minister und wichtiger Vertreter der katholischen Aufklärung setzte sich Fürstenberg insbesondere für eine umfassende Erneuerung des Bildungswesens ein. Der Brief entstand damit unmittelbar vor dem Erlass der Schulordnung von 1776 und gibt Einblick in die pädagogischen und gesellschaftlichen Leitvorstellungen, die hinter seinen Reformbemühungen standen. Fürstenberg beschreibt sein Bildungsideal als Verbindung von „aufgeklärter Religion“, Menschen- und Vaterlandsliebe, vernunftgeleiteten Vorstellungen von Recht, Sitte und Freiheit sowie gemeinnützigen Wissenschaften. Bildung sollte dabei nicht allein Wissen vermitteln, sondern den ganzen Menschen ansprechen und ihn zu verantwortungsvollem Handeln in der Gesellschaft befähigen.
Friedrich Gottlieb Klopstock war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 18. Jahrhunderts. Berühmt wurde er vor allem durch sein religiöses Epos Der Messias. Er gehörte zur geistigen Elite der Zeit und verband christliche Religiosität, aufklärerisches Denken, Empfindsamkeit und einen ausgeprägten Vaterlandsgedanken. Gerade diese Verbindung macht ihn für Fürstenberg interessant.
Das Hochstift Münster, auch Fürstbistum oder zeitgenössisch Stift genannt, war ein geistliches Territorium und ein Ständestaat des Heiligen Römischen Reiches. Es bildete sich im Hochmittelalter heraus und bestand bis zur Säkularisation 1802/03. Das Hochstift war der weltliche Herrschaftsbereich der Fürstbischöfe von Münster und ist daher vom Bistum Münster als kirchlichem Zuständigkeitsbereich zu unterscheiden. Räumlich umfasste es große Teile des heutigen Münsterlandes sowie weiter nördlich gelegene Gebiete. Es bestand aus dem Oberstift um Münster, das sich ungefähr vom Raum Recklinghausen im Süden bis zur heutigen niedersächsischen Grenze erstreckte, und dem davon räumlich getrennten Niederstift, das sich weiter nach Norden über Teile des heutigen Emslandes und Oldenburger Münsterlandes erstreckte.
Relevanz des Materials
Der Brief eignet sich besonders, um die weltanschaulichen Grundlagen der münsterischen Bildungsreformen und damit eine spezifische Ausprägung der katholischen Aufklärung herauszuarbeiten. Besonders aufschlussreich ist Fürstenbergs Begriff der „aufgeklärten Religion“. Religion und Aufklärung erscheinen bei ihm nicht als Gegensätze. Vielmehr soll der katholische Glaube mit Vernunft, Bildung und einem verantwortungsbewussten Handeln in der Gesellschaft verbunden werden. Damit eröffnet die Quelle die Möglichkeit, ein verbreitetes Verständnis der Aufklärung als grundsätzlich religions- oder kirchenfeindliche Bewegung zu differenzieren.
Fürstenbergs „aufgeklärte Religion“ steht dabei in engem Zusammenhang mit seinem umfassenden Bildungsideal. Er verbindet sie mit „Menschen- und Vaterlandsliebe“, mit „richtigen Begriffen von Recht, Sitten, Freyheit und Ehre“ sowie mit „gemeinnützigen Wissenschaften und Künsten“. Bildung soll also nicht allein Wissen vermitteln, sondern vernünftige Erkenntnis, religiös-sittliche Orientierung und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden. Auch die Forderung, weder Empfindungen durch abstraktes Denken zu verdrängen noch durch Abstraktion „das Herz auszutrocknen“, verdeutlicht diesen ganzheitlichen Anspruch.
Didaktisch ermöglicht der Brief damit insbesondere eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Aufklärung und Religion. Die Schülerinnen und Schüler können erkennen, dass aufklärerisches Denken im katholisch geprägten Münster nicht zwangsläufig eine Abkehr von Religion bedeutete, sondern auch auf deren vernunftorientierte Reform und zeitgemäße Ausgestaltung zielen konnte. Zugleich lässt sich kritisch danach fragen, was Fürstenberg unter einer „aufgeklärten“ Religion verstand und wie weit diese Verbindung von Vernunft, Glauben und sittlicher Erziehung tatsächlich reichte.