Besitzergreifung der westfälischen Länder
Textquelle
Westfalen 1815

Kurze Erläuterung

Nach der Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug hatte sich Preußen Ende 1812 bzw. Anfang 1813 mit Russland und später anderen Mächten gegen das napoleonische Frankreich verbündet. Im Zuge der sog. Befreiungskriege brach das System napoleonischer Modellstaaten in Nordwestdeutschland – darunter das Großherzogtum Berg und das Königreich Westphalen – zusammen. Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig rückten alliierte Truppen im November 1813 auch in Westfalen ein. Die so eroberten Gebiete wurden von Preußen zunächst einer provisorischen Verwaltung, dem so genannten Generalgouvernement zwischen Weser und Rhein, unterstellt. Erst später, auf dem Wiener Kongress, sollte die künftige staatliche Zugehörigkeit dieser Territorien abschließend geklärt werden. Da England und Österreich eine starke Schutzmacht gegen Frankreich im Westen wünschten, wurden Preußen im Februar 1815 neben seinen früheren westdeutschen Besitzungen nun auch die Rheinlande sowie weitere Gebiete in Westfalen, u.a. die ehemaligen Fürstbistümer Münster und Paderborn und weitere kleinere Herrschaften, zugeschlagen. Mit diesem Besitzergreifungspatent König Friedrich Wilhelms III. vom 21. Juni 1815 wurde dieser Beschluss in die Tat umgesetzt und öffentlich bekanntgemacht.

Relevanz des Materials

Beim Wiener Kongress verhandelten die diplomatischen Vertreter der europäischen Mächte über das Schicksal ganzer Landstriche und Regionen. Dabei orientierten sie sich in erster Linie an Gesichtspunkten des Kräftegleichgewichts unter den Großmächten. Die Interessen der Einwohner der betroffenen Gebiete wurden dabei in der Regel nicht beachtet; sie hatten keinerlei Möglichkeit zur Mitsprache bei diesen Prozessen. Dies galt auch im Fall Westfalens. Dennoch war die Ausdehnung Preußens nach Westen durch die Inbesitznahme Westfalens und des Rheinlands eine der bedeutendsten Folgen des Wiener Kongresses für Deutschland. Preußen konnte dadurch sein Staatsgebiet nahezu verdoppeln und stieg durch den Gewinn dieser ökonomisch starken Regionen zu einer der größten Wirtschaftsmächte in Mitteleuropa auf. Es gehörte in der Folge zusammen mit Österreich zu den mächtigsten Staaten im deutschsprachigen Raum. Dieser Umstand leistete dem preußisch-österreichischen Dualismus Vorschub, der erst 1866 im Deutsch-Deutschen Krieg auf militärischem Wege zugunsten Preußens aufgelöst wurde.

Florian Obrecht

Lernort 

Das Landesarchiv NRW verwahrt an seinen drei Standorten Duisburg, Detmold und Münster historische Dokumente aus der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Die Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW entstand im Jahre 1829 als „Königliches Provinzialarchiv“ in Münster. Hier wurden Archivalien der aufgelösten alten Territorien und der säkularisierten Klöster der preußischen Provinz Westfalen zusammengeführt. Diese waren zuvor an verschiedenen Stellen des Landes in „Archivdepots“ gesammelt worden, um sie vor Zerstreuung und Verlust zu retten. Nach der Entstehung des Landesarchiv NRW 2004 wurde das Staatsarchiv Münster 2008 zur Abteilung Westfalen.
Hier werden nun Archivalien aus 12 Jahrhunderten verwahrt: rund 100.000 Urkunden, 36 Kilometer Akten, 80.000 Karten und Pläne, 3.400 Aufschwörungstafeln, 2.000 Handschriften, 4.500 Plakate, 2.000 Bilder und Fotos, sowie Elektronisches Archivgut. Eine Nutzung ist sowohl im Lesesaal als auch online möglich. Für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer steht unser Archivpädagoge als Ansprechpartner bereit.

Landesarchiv NRW – Abteilung Westfalen