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„Der Münstersche Kreis“ – Aufklärung in Westfalen

Inwiefern stehen die Aufklärung im Münsterland und der dort vorherrschende Katholizismus im Widerspruch oder im Einklang?

Der Beitrag „Der Münstersche Kreis“ bietet eine regionalgeschichtliche Vertiefung zur Aufklärung. Am Beispiel des Münsterlandes wird untersucht, wie aufklärerische Ideen regional aufgegriffen und insbesondere mit Religion und moralischer Bildung verbunden wurden. Die Quellen verdeutlichen, dass die Aufklärung nicht allein als geistige Grundlage der politischen Umbrüche in Frankreich und den USA zu betrachten ist, sondern ihre Ideen auch jenseits der revolutionären Zentren aufgegriffen und unter regionalen Bedingungen unterschiedlich ausgestaltet wurden.

Die auf drei bis vier Unterrichtsstunden angelegte Sequenz richtet sich insbesondere an die Sekundarstufe II und arbeitet mit den Quellen in sprachlich originalgetreuer Fassung. Vorausgesetzt werden grundlegende Kenntnisse zum Menschenbild der Aufklärung sowie zu ihrem Verhältnis zu Religion. Für die Sekundarstufe I bietet sich insbesondere das Gemälde zum „Kreis von Münster“ als regionale Vertiefung im Zusammenhang mit Anlass und Ursachen der Französischen Revolution an. Soll die Auseinandersetzung vertieft werden, stehen die weiteren Textquellen zusätzlich in gekürzten und sprachlich vereinfachten Fassungen zur Verfügung.

Kernlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe I. Gymnasien und Gesamtschulen in NRW:

  • Inhaltsfeld 5: Das „lange“ 19. Jahrhundert – politischer und wirtschaftlicher Wandel in Europa
  • Sachkompetenz: Die Schülerinnen und Schüler unterscheiden zwischen Anlass und Ursachen der Französischen Revolution

Kernlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe II. Gymnasien und Gesamtschulen in NRW:

  • Inhaltsfeld 1: Politische Partizipation und Freiheitsstreben
  • Sachkompetenz: Die Schülerinnen und Schüler erläutern wesentliche Grundelemente von Menschenbild und Staatsphilosophie der Aufklärung

Sequenz 1: Der Kreis von Münster - ein aufgeklärtes Milieu?

Der Kreis von Münster
Der Kreis von Münster – Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde, Theobald von Oer, 1864 (im Besitz des Bistums Münster, Generalvikariat, Abtlg. Kunst und Kultur)

Als Einstieg in die Unterrichtssequenz dient das Gemälde Der Kreis von Münster – Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde des westfälischen Malers Theobald von Oer. Das großformatige Historienbild entstand 1864 und zeigt den sogenannten „Kreis von Münster“ in einer idealisierten Zusammenkunft um das Jahr 1800. Im Zentrum steht die Fürstin Amalie von Gallitzin, umgeben von Personen aus dem geistigen und gesellschaftlichen Umfeld Münsters. Unter den Dargestellten befindet sich auch Franz von Fürstenberg, der als Staatsminister und Bildungsreformer maßgeblich von den Ideen der Aufklärung geprägt war. Neben Adeligen und Geistlichen sind Gelehrte, Schriftsteller und Bildungsreformer vertreten. Der Kreis verweist damit auf ein aufgeklärtes geistiges Milieu im katholisch geprägten Münster.

Aufgabenstellung:

  1. Beschreibe das Gemälde Der Kreis von Münster – Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde des westfälischen Malers Theobald von Oer.
  2. Informiere dich mithilfe der Info-Buttons über die dargestellten Personen. Untersuche, welche Gemeinsamkeiten sie verbinden.
  3. Entwickle anhand der Bildinformationen eine Leitfrage, die für die weitere Beschäftigung mit der Aufklärung in Westfalen von Bedeutung ist.

Für den Einstieg ist insbesondere die Zusammensetzung des dargestellten Personenkreises von Bedeutung. Über interaktive Info-Buttons können die Schülerinnen und Schüler einzelne Personen erschließen und zunächst untersuchen, welche gesellschaftlichen und geistigen Gruppen im „Kreis von Münster“ zusammenkamen. Dadurch wird deutlich, dass Aufklärung in Westfalen nicht ausschließlich mit einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu verbunden war, sondern sich in einem Netzwerk aus Adel, Geistlichkeit, Wissenschaft, Literatur und Bildungsreform bewegte.

Gleichzeitig enthält das Gemälde ein Irritationsmoment: Im Hintergrund ist ein Kruzifix zu sehen. Gerade im Zusammenhang mit der Überschrift „Aufklärung in Westfalen“ entsteht dadurch eine Spannung. Wenn Aufklärung zunächst mit Vernunft, Kritik an überlieferten Autoritäten und der Infragestellung religiöser Vorstellungen verbunden wird, stellt sich die Frage, wie ein ausdrücklich katholisch geprägtes Umfeld und aufklärerisches Denken zusammenpassen können. Es lässt sich anhand des Gemäldes also eine entsprechende Leitfrage entwickeln, z. B. „Inwiefern stehen die Aufklärung im Münsterland und der vorherrschende Katholizismus im Widerspruch oder im Einklang?“ Die Schülerinnen und Schüler sollen an dieser Stelle noch keine abschließende Antwort geben, sondern zunächst eine Vermutung formulieren. Das Gemälde fungiert somit weniger als Quelle für eine fertige historische Aussage als vielmehr als problemorientierter Impuls, der eine zunächst naheliegende Vorstellung von Aufklärung als Gegensatz zu Religion infrage stellt.

aus: Internet-Portal Westfälische Geschichte

Auf dem Bild reicht Fürstin von Gallitzin dem Grafen Leopold zu Stolberg die Hand, der am 01.06.1800 zum katholischen Glauben konvertierte. Neben ihm ist seine zweite Gemahlin, Gräfin Sophie, zu sehen, die acht Jahre später mit der großzügigen Spende von 20.000 Reichstalern ihren Beitrag zur Errichtung des Ordens der Barmherzigen Schwestern leisten sollte. Rechts hinter der Fürstin steht der Schulreformer Bernhard Overberg, der 1789 in ihr Haus in der Grünen Gasse gezogen war und auch als Beichtvater der Fürstin fungierte. An Overbergs rechter Seite ist Clemens August von Droste-Vischering, der spätere Kölner Erzbischof, abgebildet, der die Begegnung der beiden prominenten Konvertierten aus seinem Freundeskreis ergriffen, mit der linken Hand auf dem Herz, verfolgt. Zwei Brüder von Clemens August waren dem Gallitzin-Kreis ebenfalls sehr verbunden; links von ihm steht Franz Otto, und Caspar Max unterhält sich – sitzend – mit Marianne Prinzessin Gallitzin, der gemeinsamen Tochter der Fürstin und des Fürsten Gallitzin. Von der rechten Bildseite aus beobachten die Gelehrten Kistemaker, Sprickmann und Katerkamp das Geschehen (von links nach rechts). Bei dem jungen Priester, der im Bildhintergrund zum Kruzifix betet, handelt es sich um den Prinzen Dimitrij Gallitzin, dem Bruder Mariannes, der nach seinem Vater benannt worden war. Bereits einige Jahre vorher war er nach Amerika ausgewandert, um dort missionarisch zu arbeiten. Dieser räumlichen Distanz wurde auf dem Gemälde, ebenso wie der ständigen geistigen Präsenz des Sohnes, stilisierend Ausdruck gegeben. Der vom linken Bildrand ankommenden Gruppe geht der Theologe Kellermann voran, mit ihm die beiden Söhne des Grafen Stolberg, für die er als Hauslehrer verantwortlich war. 46 Jahre später sollte Kellermann dem verstorbenen Caspar Max von Droste-Vischering auf dem münsterischen Bischofsstuhl folgen. Damit bekleidete erstmals ein Nichtadeliger dieses hohe kirchenpolitische Amt. Die geistige Elite Münsters ist auf diesem Gemälde versammelt.

Sequenz 2: "Aufgeklärte Religion"?!

Brief von Fürstenberg an Kloppstock
Brief von Fürstenberg an Klopstock vom 02.08.1775

An die im Gemälde aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von Aufklärung und Katholizismus schließt die Auseinandersetzung mit Franz von Fürstenbergs Brief an Friedrich Gottlieb Klopstock vom 2. August 1775 an. Die Quelle ermöglicht es, die zuvor entwickelte Vermutung anhand der zeitgenössischen Perspektive eines zentralen Vertreters der westfälischen Aufklärung zu überprüfen.

Aufgabenstellung:

  1. Erläutere Fürstenbergs Verständnis einer „aufgeklärten Religion“.
  2. Arbeite die Vorstellungen von Aufklärung aus Fürstenbergs „philosophischem Erziehungs Plan“ heraus.

Münster d. 2. August 1775

Ew. Wohlgebohr.¹ an mich unterm 14. Juny erlaßenes vertrauliches Antwortschreiben hat mir ein ausserordentliches Vergnügen gemacht. Über die Verzögerung meiner Antwort muß ich um Verzeihung bitten. Gesundheits-Umstände, Beschäftigungen hatten mich zu Brühl in allen meinen Correspondenzen zurück gesetzt. Unentschloßenheit, was in einem so häcklichen Gegenstande, wovon die Umstände mir sehr entfernt sind, zu rathen sey …

Ein unchristlicher Religions Eifer ist der Fehler des besten Theils meiner Landsleute nicht: es bleibt allzeit etwas übrig, aber im ganzen ist man sehr tolerant. Ein großer Theil hat viel Enthusiasmus für Sie; dennoch siehet, wie man sich leicht vorstellen kann, nur der geringste Theil den Einfluß ein, welchen der Rath und die Gegenwart eines Mannes, wie Sie sind, in unsern Veranstaltungen haben kann. Man hat noch nicht beständig die nämliche Wärme für die Ausführung. Dem allem ohngeachtet, bilde ich mir ein, daß wenn es die Umstände von Ew. Wohlgebohr. leiden sollten, sich einige Tage hier aufzuhalten, ich mein Vorhaben ohne ausserordentliche Schwierigkeit zu Stande bringen könnte. Dieses ist gewiß, daß man Sie mit Distinction betrachten wird. Ich kann es vom Kurfürsten und meinen Landsleuten versichern. Der Hof wird biß gegen Anfang Septembris hier bleiben, von der Zeit biß Anfang Octobris zu Clemenswehrt sich aufhalten: demnächst hiehin zurück kommen und im November nach Bonn zurückgehen. Das gemächlichste für Sie würde wohl der Sejour von Clemenswehrt wegen der Nähe von Bremen seyn. Sonst würde gegen die Mitte des Oktobris die Zeit seyn, wo ich Sie mit den meisten vom Adel bekannt machen könnte: es liegt mir mehr daran Sie mit letzten persönlich bekannt zu machen, als dem Kurfürsten zu präsentiren. Jetzt können Sie die Zeit wählen, welche für Sie die schicklichste ist: wenn vielleicht Ihre Gelegenheit seyn sollte dieselbe noch später zurückzusetzen. Nur bitte ich mir Nachricht davon zu geben, damit ich meinen Aufenthalt darnach einrichten kann.

Unser philosophischer Erziehungs Plan ist viele Menschen, und zu Gelehrten diejenige zu bilden, welche dazu berufen sind. Aufgeklärte Religion, warme thätige erhabene Menschen- und Vaterlandsliebe, folglich richtige Begriffe von Recht, Sitten, Freyheit, und Ehre, gemeinnützige Wissenschaften und Künste, und dem Zufolge den Unterricht so einzurichten, daß weder die Empfindungen die deutliche Begriffe verdrängen, noch die Abstractionen die Experimental-Erkenntniße – oder gar das Herz austrokknen. Wie viel könnte ich zu Erhaltung dieser Absichten von Ihnen lernen?

Für Leibnitzen habe ich die größte Verehrung und bin stoltz darauf. Wie sehr hat dieser alles umfaßende Denker, auch in diejenige Erkänntniße gewirket, welche man zu seiner Zeit gewiß nicht geglaubt hat in so naher Verbindung mit seiner Philosophie zu stehen? Ohne ihn wären wohl nicht einmal Winkelmann und Mengs das geworden, was sie sind. Ich danke Ihnen für den Gedanken, und werde auf welche Art es mir möglich seyn wird, durch einiges Ehrenmal für diesen Großen Mann meinen Landsleuten Ehre zu machen suchen. Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung

Ew. Wohlgebohr.

Gantz Gehorßamer Diener

Fürstenberg

¹Ew. Wohlgebohr.: Ew. steht für das Possessivpronomen Eurer oder Euer. Wohlgeboren diente als substantivierter Höflichkeitstitel.

[…] Unser Ziel ist es, Menschen zu bilden und diejenigen zu Gelehrten auszubilden, die dafür geeignet sind. Wichtig sind dabei eine aufgeklärte Religion, die Liebe zu den Mitmenschen und zum Vaterland sowie ein richtiges Verständnis von Recht, Moral, Freiheit und Ehre. Auch nützliche Wissenschaften und Künste sollen vermittelt werden. Der Unterricht soll vernünftiges Denken, empirische Erkenntnisse aus Beobachtungen und Versuchen sowie Gefühle miteinander verbinden. Keine dieser Seiten soll die andere verdrängen. Wie viel könnte ich von Ihnen lernen, um diese Ziele zu erreichen? […]

Im Zentrum der Quellenarbeit steht zunächst Fürstenbergs Formulierung von einer „aufgeklärten Religion“. Der Begriff eignet sich als Ausgangspunkt, um die scheinbare Spannung zwischen Aufklärung und katholischem Glauben genauer zu untersuchen. Fürstenberg stellt Religion nicht grundsätzlich infrage, sondern integriert sie ausdrücklich in seinen „philosophischen Erziehungs Plan“. Zugleich verweist die Verbindung von „aufgeklärter Religion“ mit Toleranz und der Ablehnung eines „unchristlichen Religions Eifer[s]“ auf ein verändertes Verständnis von Religion. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich entsprechend damit auseinander, was Fürstenberg unter einer „aufgeklärten Religion“ verstehen könnte und wie sich dieses Verständnis von einem von ihm kritisierten religiösen Eifer unterscheidet. Fürstenbergs „aufgeklärte Religion“ ist keine Abkehr vom christlichen Glauben, sondern ein von religiösem Fanatismus gelöstes, tolerantes und vernunftorientiertes Christentum, das zur moralischen und gesellschaftlichen Bildung des Menschen beitragen soll.

Ausgehend von diesem Schlüsselbegriff wird anschließend der Blick auf weitere aufklärerische Vorstellungen des Briefes gelenkt. Fürstenberg nennt unter anderem „Recht, Sitten, Freyheit, und Ehre“, „gemeinnützige Wissenschaften und Künste“ sowie die Bedeutung von „Experimental-Erkenntniße[n]“. Auch die von ihm geforderte Verbindung von deutlichen Begriffen, empirischer Erkenntnis und menschlichen Empfindungen verweist auf ein umfassendes Bildungs- und Menschenbild. Die Schülerinnen und Schüler können diese Aspekte herausarbeiten und bereits bekannten, unterschiedlichen Bereichen aufklärerischen Denkens zuordnen. Auf diese Weise wird deutlich, dass sich Fürstenbergs Aufklärungsverständnis Bildung, Wissenschaft, Moral und gesellschaftliche Verbesserung umfasst. Die Arbeit am Brief führt damit von der zunächst irritierenden Verbindung von Religion und Aufklärung zu einem differenzierteren Verständnis von Fürstenbergs Reformvorstellungen.

Sequenz 3: Aufklärung und Religion praktisch miteinander vereinbar?!

Schulordnung 1776
Verordnung: Die Lehrart in den untern Schulen betreffend (1776)

Die Schulordnung von 1776 führt schließlich von den programmatischen Vorstellungen zur praktischen Umsetzung: Hier lässt sich nachvollziehen, wie aufklärerische Bildungsziele mit einer weiterhin zentralen religiös-sittlichen Erziehung verbunden wurden.

Fürstenberg setzt seine aufklärerischen Vorstellungen aus dem Brief in der Schulordnung von 1776 in vielen Bereichen konkret um. Die Forderung nach Vernunft und deutlichen Begriffen zeigt sich darin, dass die Schüler selbst denken, prüfen und begründen sollen. Die „Experimental-Erkenntniße“ werden durch Lernen aus Beobachtung, Erfahrung und Versuchen umgesetzt. Auch die Forderung nach gemeinnützigen Wissenschaften und Künsten findet sich wieder, da Wissen einen praktischen Nutzen für das Leben und die Gesellschaft haben soll. Gleichzeitig wird die Bildung mit Sitten, Tugend und moralischen Empfindungen verbunden. Damit verbindet die Schulordnung aufklärerische Vernunft und empirisches Wissen mit moralischer und religiöser Erziehung.

Die Schulordnung zeigt nicht die Verdrängung des Katholizismus durch die Aufklärung, sondern die Verbindung aufklärerischer Bildungsreformen mit einer weiterhin ausdrücklich religiös-sittlichen Erziehung.

Aufgabenstellung:

  1. Erläutere anhand der Auszüge zentrale Merkmale der Aufklärung in Westfalen. Gehe dabei auf (1) Bildungsziele und praktischen Nutzen, (2) Vernunft und Empirie sowie (3) „aufgeklärte Religion“ ein.

    Sprintaufgabe: Vergleiche Fürstenbergs Vorstellungen über den Geschichtsunterricht mit dem heutigen Geschichtsunterricht in Deutschland.

  2. Beurteile, inwiefern Fürstenberg seine aufklärerischen Vorstellungen aus dem Brief in der Schulordnung von 1776 praktisch umsetzt.

Die allgemeine Wohlthat, die der Mensch seiner Erziehung soll zu danken haben, ist, daß ihm die Sphäre seiner Thätigkeit erweitert, und die Art, sie zu beschäftigen, nach ihren Werthe bestimmet werde. Sie soll seinen Verstand mit reelen Känntnissen bereichern, diesen den ganzen Umfang seiner Pflichten umfassen, und sein Herz fühlen lehren, daß nur ihre Erfüllung wahre Glückseeligkeit ist, damit ihm Pflicht zur Neigung und Tugend zur Gewohnheit werde.

Aber die Natur macht der Erziehung dieses Gesetz schwer, da sie ihm Wesen mit so verschiedenen Graden von Fähigkeiten liefert: Wesen, auf die selbst ihre Absichten so äusserst verschieden sind. Die erste Vorsorge bey der Unterweisung sey also diese, daß keiner Art von Schülern das Nöthige zu ihrem Berufe entgehe, daß mit dem Ueberflüssigen keine Zeit verdorben werde, und daß, ohne das bessere Talent im Fortgange aufzuhalten, auch das Mittelmäßige den Unterricht vollständig geniesse.

Der öffentliche Unterricht soll dem Schüler Begriffe und Kenntnisse von Gott, von sich und seinen Pflichten, von den Wesen um ihn her, und von den Schicksalen der Menschheit verschaffen; Er soll ihn seine Begriffe prüfen, vergleichen, und bezeichnen lehren. Der Gegenstand desselben sind also, Religion, Sittenlehre, Psychologie, Naturkunde, Mathematik, Geschichte, Logik, Sprachkunde, Redekunst und Dichtkunst.

Alle diese Wissenschaften sollen in einer genauen Verbindung bearbeitet werden, so, daß, von dem ersten Schuljahre an bis zu dem letzten, der Unterricht eines jeden Jahres die Lehren des folgenden vorbereite, und unter sich selbst, eine jede Wissenschaft der anderen die Hand biethe, damit die Erkenntniß des Schülers von ihren ersten Gründen an, durch eine allmählige Entwickelung bis zur Vollständigkeit und Anwendung fortschreite.

Erziehung soll den Menschen helfen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sinnvoll einzusetzen. Sie soll seinen Verstand mit nützlichem Wissen erweitern und ihm seine Pflichten vermitteln. Zugleich soll er lernen, moralisch zu handeln, sodass Tugend für ihn selbstverständlich wird.

Da Schüler unterschiedliche Fähigkeiten und Ziele haben, soll der Unterricht darauf Rücksicht nehmen. Jeder Schüler soll das lernen, was er für seinen späteren Beruf braucht. Unnötige Inhalte sollen vermieden werden. Gleichzeitig sollen sowohl besonders begabte als auch durchschnittliche Schüler angemessen gefördert werden.

Der Unterricht soll den Schülern Kenntnisse über Gott, sich selbst, ihre Pflichten, ihre Umwelt und die Geschichte der Menschheit vermitteln. Sie sollen außerdem lernen, ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen zu prüfen und zu vergleichen. Unterrichtet werden deshalb Religion, Ethik, Psychologie, Naturkunde, Mathematik, Geschichte, Logik, Sprachkunde, Redekunst und Dichtkunst.

Diese Fächer sollen miteinander verbunden werden. Der Unterricht soll von Schuljahr zu Schuljahr aufeinander aufbauen, sodass die Schüler ihr Wissen schrittweise erweitern und schließlich anwenden können.

Bildung im Sinne Fürstenbergs soll nicht nur der Vermittlung von Wissen, sondern der umfassenden Entwicklung des Menschen dienen. Die Erziehung soll den Verstand mit „reelen Känntnissen“ bereichern, zugleich aber auch moralisches Handeln und Tugend fördern. Bildung soll den Menschen also dazu befähigen, seine Pflichten zu erkennen und verantwortungsvoll zu handeln.

Zudem betont Fürstenberg den praktischen Nutzen von Bildung. Der Unterricht soll sich an den unterschiedlichen Fähigkeiten und späteren Berufen der Schüler orientieren: „Keiner Art von Schülern“ soll das für ihren Beruf Notwendige fehlen, während unnötiger Lernstoff vermieden werden soll. Bildung wird damit auf die Lebenswirklichkeit und den späteren gesellschaftlichen Nutzen ausgerichtet.

Gleichzeitig fordert Fürstenberg eine breite und miteinander verbundene Bildung. Fächer wie Religion, Naturkunde, Mathematik, Geschichte und Logik sollen nicht isoliert voneinander unterrichtet werden. Die Kenntnisse sollen schrittweise erweitert und schließlich zur „Vollständigkeit und Anwendung“ geführt werden.

Bildung soll den Menschen vernünftig, selbstständig und praktisch handlungsfähig machen und zugleich zur Verbesserung des Einzelnen und der Gesellschaft beitragen.

[Der Lehrer] soll [den Schüler] seine Begriffe prüfen, vergleichen, und bezeichnen lehren. […]

[Der Lehrer] dringe dem Schüler also keine Wörter auf, die ihm blos Wörter bleiben müssen: er soll ihn empfinden und denken lehren. […]

Hier wird der Lehrer zugleich die vortheilhafteste Gelegenheit finden, die natürliche Logik zu bearbeiten. Er zeige dem Schüler so oft er kann und mit dem ganzen Nachdruck der eigenen Erfahrung, wie sehr der Schein trügt, wie leicht Herz und Einbildungskraft täuschen und wie gefährlich jede Uebereilung für die Richtigkeit der Begriffe der Beobachtung und der Schlüsse ist. Auf das eigene dunkele Gefühl des Wahren und des Irrigen mache er ihn aufmerksam ohne Furcht, die Gränzen seiner Fähigkeiten zu überschreiten, aber mit der Gewißheit, daß er ihm dadurch den Vortheil einer gesunden und festen Beurtheilungskraft verschaffen wird. […]

Die Begriffe, die der Mensch durch die äusseren Sinne erhalten muß, soll er dem Schüler durch Vorzeigung der Sache selbst, oder im Bilde, und jene, die für den inneren Sinn gehören, durch Aufmerksamkeit auf das, was in seiner Seele vergeht, verschaffen, und bey abstrackten Begriffen dem Gang des Verstandes nachfolgen, wie er sie von den sinnlichen abzog, und da er sie in der inneren Empfindung radiciret¹ fand, allgemein und transcendent² machte. […]

[Der Unterricht] sei anwendbar, damit der Schüler aus der Logik Scharfsinn und Fertigkeit im Abstrahiren und Beweisen, Richtigkeit im Beobachten und Versuchen, und Ordnung im ganzen Systeme seiner Gedanken zu den höheren Wissenschaften und selbst zu den Geschäften des gemeinen Lebens mitbringe!

¹radiciert: fest verwurzelt

²transcendent: Transzendenz beschreibt den Bezug auf einen Gegenstandsbereich, der jenseits möglicher Erfahrung bzw. vorfindbarer Wirklichkeit liegt.

Der Lehrer soll den Schüler dazu anleiten, seine Gedanken und Vorstellungen zu prüfen und miteinander zu vergleichen. Er soll ihm nicht nur Begriffe und Wörter vermitteln, sondern ihn selbstständig denken und wahrnehmen lehren.

Der Schüler soll durch eigene Erfahrungen erkennen, dass der erste Eindruck täuschen kann und vorschnelle Urteile zu Fehlern führen können. Deshalb soll er lernen, genau zu beobachten, nachzudenken und begründete Schlüsse zu ziehen.

Neue Erkenntnisse sollen möglichst durch eigene Beobachtungen und konkrete Beispiele gewonnen werden. Auch abstrakte Begriffe sollen aus solchen Erfahrungen entwickelt werden.

Der Unterricht soll außerdem praktisch anwendbar sein. Die Schüler sollen lernen, genau zu beobachten und Versuche durchzuführen, logisch zu denken und ihre Gedanken zu ordnen. Diese Fähigkeiten sollen ihnen sowohl in den Wissenschaften als auch im Alltag helfen.

Fürstenberg versteht Vernunft und selbstständiges Denken als wichtige Ziele von Bildung. Die Schüler sollen ihre Begriffe „prüfen, vergleichen“ und nicht einfach vorgegebene Aussagen übernehmen. Der Lehrer soll sie vielmehr „empfinden und denken lehren“. Damit wendet sich Fürstenberg gegen bloßes Auswendiglernen und fordert eine eigenständige Urteilsfähigkeit.

Das entspricht dem aufklärerischen Leitgedanken Kants, wonach der Mensch den Mut haben soll, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Fürstenbergs Forderung nach selbstständigem Denken und Urteilen steht damit zeitlich vor Kants berühmter Formulierung „Sapere aude!“ (1784), weist aber deutlich in dieselbe Richtung.

Zugleich spielt Empirie, also die Gewinnung von Wissen durch Erfahrung und Beobachtung, eine wichtige Rolle. Die Schüler sollen lernen, zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden und vorschnelle Urteile zu vermeiden. Erkenntnisse sollen durch eigene Beobachtung, Erfahrung und Versuche überprüft werden. Besonders deutlich wird dies in der Forderung nach „Richtigkeit im Beobachten und Versuchen“.

Wissen soll nicht einfach von Autoritäten übernommen, sondern durch Vernunft, eigene Beobachtung und Erfahrung kritisch geprüft und auf das praktische Leben angewendet werden.

Die Pflichten der Religion und Sittenlehre muß der Schüler in ihrem ganzen Umfange kennen. Der Lehrer bemühe sich also in diesem Theile des Unterrichts so deutlich, so faßlich und vollständig zu seyn, als möglich. Er arbeite mit der Überzeugung, daß nirgends im ganzen Gebiethe menschlicher Kenntnisse, eine Lücke, ein schwankender Begriff, oder Mangel an Gründen von schädlicheren Folgen ist.

Die Religion soll nach Vorschrift des katechetischen Unterrichts gelehret werden, und mit den Beweisen ihrer Wahrheiten rücke der Lehrer in gleichem Maaße mit der Fähigkeit der Schüler vor.

Vorzüglich hier vermeide er das Kalte, das Trockne des abstrackten Vortrags, der dem Schüler nichts zu denken noch zu empfinden giebt. Er belebe ihn mit Schilderungen aus der Geschichte, und mit Anwendung auf individuelle Handlungen aus den Vorfällen des gemeinen Lebens […], damit er das moralische Gefühl des Schülers übe und verfeinere, und ihm die Fähigkeit gebe, in jeder seiner eigenen Handlungen das Sittliche und Unsittliche zu erkennen; […]

Und auch dann denke er immer noch wenig gethan zu haben, wenn er ihn vom Bösen abzog! Die Liebe zur Religion und zur Tugend muß in seinem Herzen selbst Leidenschaft werden, wenn sie seinen übrigen Leidenschaften das Gleichgewicht halten soll. Durch Vernunft und Offenbarung erhebe er ihn also bis zur Anbethung des höchsten Wesens, daß er seine Niedrigkeit, aber auch seine Würde fühlen lerne, und die Hofnung der Gnade ihn zwar innigen heiligen Schauer, aber mehr Liebe des Kindes, als Furcht des Sclaven lehre: Er enthülle ihm seine Bestimmung hienieden¹ und für die Zukunft, und zeige ihm seinen Standort in der Schöpfung, daß er jedes Wesen um sich her als Mittheil des nämlichen grossen Ganzen, lieben und schätzen lerne, und sein Wohl in dem Wohl der ganzen fühlenden Natur verschlungen fühle. Er zeige ihm, wie die Religion ihm den Weg zur ewigen Glückseligkeit abzeichnet, und suche sein ganzes Herz für sie einzunehmen, aber er vergesse hierbei auch nicht ihn zu lehren, daß der wahre Eifer der Religion ein Geist der Liebe ist, von Haß, Abneigung, und Verfolgung weit entfernet.

¹hienieden: Das Wort hienieden ist ein veraltetes Adverb und bedeutet „auf dieser Erde“ oder „im Diesseits“

Der Schüler soll die Grundsätze und Pflichten von Religion und Moral umfassend kennenlernen. Der Lehrer soll sie klar, verständlich und vollständig erklären und begründen. Denn unklare Vorstellungen oder fehlende Begründungen können in diesem Bereich besonders problematisch sein.

Die Religion soll durch Fragen, Erklärungen und Belehrungen vermittelt werden. Ihre Glaubensinhalte soll der Lehrer schrittweise erklären und begründen, angepasst an die Fähigkeiten der Schüler.

Der Religionsunterricht soll nicht nur aus abstrakten Lehren bestehen. Beispiele aus der Geschichte und dem Alltag sollen den Schülern helfen, über moralisches Handeln nachzudenken. Sie sollen lernen, in ihren eigenen Handlungen Gut und Böse zu unterscheiden.

Religion und Tugend sollen dabei nicht nur verstanden, sondern auch innerlich angenommen werden. Durch Vernunft und Offenbarung sollen die Schüler ihren eigenen Platz in der Welt erkennen und lernen, andere Menschen und Lebewesen zu achten und zu lieben. Besonders wichtig ist dabei religiöse Toleranz: Wahrer religiöser Eifer zeigt sich in Liebe und nicht in Hass, Ablehnung oder Verfolgung.

Trotz der aufklärerischen Ausrichtung bleiben Religion und moralische Erziehung zentrale Bestandteile des Unterrichts. Religion soll jedoch nicht nur vermittelt, sondern verständlich erklärt und begründet werden. Zugleich soll die Bildung das moralische Gefühl stärken und zu einem verantwortungsvollen Handeln führen.

Unter „aufgeklärter Religion“ versteht Fürstenberg eine Religion, die mit Vernunft, moralischer Selbstbestimmung und Toleranz verbunden ist. Der Glaube soll nicht allein auf Gehorsam oder Angst beruhen, sondern durch „Vernunft und Offenbarung“ verständlich und nachvollziehbar werden.

Der Mensch soll die Religion innerlich verstehen und aus eigener Überzeugung leben. Deshalb soll die Liebe zur Religion und zur Tugend „im Herzen selbst Leidenschaft werden“. Zugleich betont Fürstenberg Menschenwürde, Nächstenliebe und Toleranz: Der religiöse Mensch soll andere Wesen achten und der „wahre Eifer der Religion“ soll ein „Geist der Liebe“ sein, der sich gegen „Haß, Abneigung, und Verfolgung“ richtet.

Aufgeklärte Religion bedeutet bei Fürstenberg Glaube verbunden mit Vernunft, moralischer Selbstbestimmung, Menschenliebe und Toleranz – Religion wird also nicht abgeschafft, sondern vernünftig und human gestaltet.

[…] Die Geschichte zeigt den Menschen in Handlung, und die verborgensten seiner Triebfederen in Thätigkeit. Sie zeigt, durch welche Schicksale die Menschheit in verschiedenen Gegenden im Fortgang der Entwickelung aufgehalten oder fortgeholfen, was sie unter dem Drucke des Lasters, oder dem mildern Einfluß der Tugend ward; […]

Allgemeiner ist der Nutzen, den die Geschichte der Religion und der Moral leistet; Und dieser sey der Endzweck in diesem Theile des Schulunterrichts! Das Sistem der Geschichte seye also kein chronologisches Gerippe, keine Galerie von Feldschlachten, und ähnlichen Details; Es kömmt nicht darauf an, daß der Schüler die Erbfolge der Könige von Mycene und Argos, oder alle kleine Aufstände und Scharmützel der Griechen auswendig lerne. Die Ordnung soll nicht nach dem Leben der Regenten sonderen nach den wichtigsten Revolutionen der merkwürdigsten Völker bestimmet, und die erheblichsten Begebenheiten anderer Völker, die auf jene Einfluß haben, als Episoden behandelt, die Chronologie aber, deren Verhältnisse sich auf die christliche Aeram beziehen, soll nicht als ein epineüses¹ Studium bearbeitet werden. […]

Aber hier vergesse es der Lehrer nie, wie gefährlich für die Jugend der falsche Reitz seyn kann, den die Größe und die Stärke des handlenden Genie in seinen Ausschweifungen auch dem Laster giebt, damit er nicht die Geschichte zur Lehrerinn praktischer Irrthümer erniedrige, da sie dem Jüngling die Pfade zum Verdienst und zur öffentlichen und Privatglückseligkeit und den ganzen Werth der Tugend und der Vaterlandsliebe zeigen sollte, um ihn zum guten Menschen und zum guten Bürger zu bilden! Wo also das Laster eine große Seele verunstaltete, da zeige der Lehrer diese Verunstaltung von der schwärzesten Seite und in ihren schrecklichsten Folgen. […]

Die griechische und römische Geschichte muß ausführlich und am ausführlichsten die deutsche gelehrt werden, damit in dem Herzen der Schüler die Liebe des Vaterlandes angefacht und ernähret werde. […]

Diese Theile der allgemeinen Geschichtkunde soll der Lehrer als die hervorragenden Hauptgruppen in dem grossen Gemählde des Vergangenen ansehen, ohne doch zu vergessen, daß er dem Schüler dieses Gemählde ganz zeigen soll. […]

Sehr nützlich wird es zu diesem Endzwecke seyn, dem Schüler bey der Geschichte, so wie bey den übrigen Schulwissenschaften überall die Quellen und die besten Schriftsteller bekannt zu machen.

¹epineüs: dornig, knifflig

Die Geschichte zeigt, wie Menschen handeln und aus welchen Gründen sie das tun. Sie beschreibt, welche Ereignisse die Entwicklung der Menschheit in verschiedenen Regionen entweder gebremst oder vorangebracht haben. Außerdem macht sie sichtbar, wie sich die Menschheit unter dem schlechten Einfluss von Lastern oder unter dem guten Einfluss von Tugenden verändert hat.

Der größte Nutzen der Geschichte liegt darin, dass sie uns etwas über Religion und Moral beibringt – und genau das sollte auch das Hauptziel im Schulunterricht sein. Im Geschichtsunterricht sollen nicht vor allem Jahreszahlen, Herrscherfolgen, Schlachten und einzelne Ereignisse auswendig gelernt werden. Stattdessen sollen die Schüler wichtige historische Entwicklungen und Veränderungen verstehen.

Geschichte soll außerdem zur moralischen Erziehung beitragen. Der Lehrer soll zeigen, welche Folgen gutes und schlechtes Handeln haben kann. Die Schüler sollen dadurch zu guten Menschen und guten Bürgern erzogen werden.

Besonders ausführlich sollen die griechische und römische, vor allem aber die deutsche Geschichte behandelt werden. Dadurch soll die Liebe zum Vaterland gestärkt werden.

Trotz dieser Schwerpunkte sollen die Schüler einen Überblick über die gesamte Geschichte erhalten. Außerdem sollen sie wichtige historische Quellen und Geschichtsschreiber kennenlernen.

Fürstenberg versteht Geschichte vor allem als Mittel zur Menschen- und Bürgerbildung. Schüler sollen erkennen, welche Motive menschliches Handeln bestimmen und wie Tugend, Laster und historische Entwicklungen das Schicksal von Menschen und Gesellschaften beeinflussen. Deshalb lehnt er einen Unterricht ab, der lediglich aus Chronologie, Herrscherfolgen, Schlachten und auswendig gelerntem Detailwissen besteht.

Stattdessen sollen die großen historischen Entwicklungen und Umbrüche im Mittelpunkt stehen. Einzelereignisse sind vor allem dann wichtig, wenn sie zum Verständnis dieser größeren Zusammenhänge beitragen. Gleichzeitig verfolgt der Unterricht einen ausdrücklich moralischen Zweck: Geschichte soll Tugend und Gemeinsinn fördern und abschreckend zeigen, welche Folgen lasterhaftes Handeln haben kann.

Vor allem der Vaterlandsgedanke spielt bei Fürstenberg eine zentrale Rolle. Geschichtsunterricht soll nicht nur historische Zusammenhänge vermitteln, sondern auch die Liebe zum Vaterland stärken. Deshalb soll besonders die deutsche Geschichte am ausführlichsten behandelt werden, damit „die Liebe des Vaterlandes“ im Herzen der Schüler „angefacht und ernähret“ werde. Geschichte besitzt damit eine klare patriotische Erziehungsfunktion: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit soll Tugend, Verantwortungsbewusstsein und die Verbundenheit mit dem eigenen Vaterland fördern.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Fürstenberg die Schüler mit Quellen und bedeutenden Geschichtsschreibern bekannt machen möchte. Das weist tatsächlich auf ein stärker erkenntnisorientiertes Bildungsverständnis hin. Allerdings sollte man es nicht mit moderner, wertneutraler Quellenkritik gleichsetzen: Für Fürstenberg bleibt historische Erkenntnis eng mit Religion, Moral und der Erziehung zum „guten Menschen und guten Bürger“ verbunden.

Beurteilung: Praktische Umsetzung aufklärerischer Vorstellungen

Fürstenberg setzt seine aufklärerischen Vorstellungen in hohem Maße praktisch um. Die im Brief genannten Ziele werden in der Schulordnung zu konkreten Unterrichtsinhalten und Lehrmethoden: Die Forderung nach Vernunft und „deutlichen Begriffen“ zeigt sich im selbstständigen Prüfen, Vergleichen und Begründen. Die „Experimental-Erkenntniße“ werden durch Beobachtung, Erfahrung und Versuche umgesetzt. Auch die „gemeinnützigen Wissenschaften und Künste“ finden sich wieder, da Mathematik, Naturkunde und Philosophie ausdrücklich auf ihre praktische Anwendbarkeit ausgerichtet werden.

Gleichzeitig übernimmt Fürstenberg seine Vorstellungen von Sitten und moralischer Bildung: Der Unterricht soll nicht nur den Verstand, sondern auch das „Herz“ bilden und zur Tugend und zum verantwortungsvollen Handeln führen. Damit verbindet die Schulordnung aufklärerische Vernunft, empirisches Wissen und praktische Bildung mit religiös-sittlicher Erziehung.

Insgesamt setzt Fürstenberg die Ideen seines Briefes also sehr konsequent um. Die Schulordnung macht aus seinen allgemeinen Vorstellungen ein konkretes Bildungsprogramm. Zugleich zeigt sich aber eine Besonderheit der katholischen Aufklärung: Aufklärung bedeutet hier nicht die Abkehr von Religion, sondern die Verbindung von Vernunft und Wissenschaft mit Religion, Moral und Gemeinwohl.

Vertiefung und weiterführendes Material

Eine zusätzliche didaktische Perspektive ergibt sich aus der Entstehungszeit des Gemäldes. Da von Oer das Bild erst rund 60 Jahre nach der dargestellten Zeit malte, handelt es sich nicht um eine zeitgenössische Darstellung des „Kreises von Münster“. Die dargestellte Zusammenkunft hat in dieser Form nicht stattgefunden: Das Gemälde ist daher historisierend und idealisierend angelegt. Zudem wurde es dem Bischof von Münster geschenkt und sollte im Kontext der zunehmenden Schwächung des Einflusses der katholischen Kirche im preußischen Staat auch deren gesellschaftspolitische Bedeutung unterstreichen.

Diese Besonderheit kann zunächst bewusst zurückgestellt und am Ende der Sequenz als Transfer aufgegriffen werden. Die Schülerinnen und Schüler können dann reflektieren, warum ein im 19. Jahrhundert entstandenes Gemälde den aufgeklärten „Kreis von Münster“ zugleich in einem deutlich katholisch geprägten Bildraum präsentiert und welche Vorstellungen über das Verhältnis von Aufklärung und Katholizismus damit verbunden sein könnten.

Um 1800 gehörte Münster noch zum geistlichen Fürstbistum Münster, sodass Kirche, Staat und gesellschaftliche Ordnung eng miteinander verbunden waren. Der „Kreis von Münster“ konnte daher Katholizismus, Aufklärung und Reform miteinander verbinden und zugleich gesellschaftlichen Einfluss ausüben. Mit der Säkularisation 1803 wurde das Fürstbistum jedoch aufgelöst; 1815 fiel Münster an das überwiegend protestantisch geprägte Königreich Preußen. Als Theobald von Oer das Gemälde 1863/64 schuf, hatte sich die Stellung der katholischen Kirche somit grundlegend verändert: Sie musste ihren gesellschaftlichen und politischen Einfluss gegenüber dem preußischen Staat behaupten. Unmittelbar vor den späteren Auseinandersetzungen des Kulturkampfes konnte die idealisierte Darstellung des aufgeklärten katholischen „Kreises von Münster“ daher auch der Selbstvergewisserung des westfälischen Katholizismus dienen: Das Gemälde erinnert an eine Vergangenheit, in der katholischer Glaube, Aufklärung, Bildung und gesellschaftliche Bedeutung scheinbar harmonisch miteinander verbunden waren.

Zur Vertiefung kann das Video „Die Aufklärung in Westfalen | Eine kurze Geschichte Westfalens in der Frühen Neuzeit“ eingesetzt werden. Es ordnet die zuvor am Beispiel des Kreises von Münster und Fürstenbergs erarbeiteten Aspekte in den größeren historischen Zusammenhang der Aufklärung in Westfalen ein und ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, ihre Erkenntnisse zu Katholizismus, Bildung und aufgeklärten Reformbestrebungen zu festigen und zu erweitern.

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