Fotografien aus der Sammlung Ignaz Böckenhoff
von Elisa Gernert
Nach der „Machtübertragung“ auf die Nationalsozialist:innen im Jahr 1933 veränderte sich auch in ländlich geprägten Regionen wie dem westfälischen Dorf Raesfeld (Kreis Borken) das Alltagsleben spürbar. Schon bald etablierten sich in der überwiegend katholischen Gemeinde lokale SA- und NSDAP-Ortsgruppen, später auch die Hitlerjugend und die NS-Frauenschaft. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges verschärfte sich die Lage erheblich. Militarismus und Propaganda prägten das Leben in Raesfeld in nahezu allen Bereichen.
Die Fotografien aus der Sammlung des westfälischen Bauernsohns und Dorffotografen Ignaz Böckenhoff (1911–1994) bieten einen spannenden Zugang zu den ideologischen und kriegsbedingten Transformationen, die Raesfeld zwischen 1933 und 1942, dem Jahr, in dem der Fotograf zur Wehrmacht eingezogen wurde, prägten. Auf EDU_Westfalen haben wir einige Fotografien aus der Sammlung Böckenhoff als Lernressourcen aufgegriffen und kontextualisiert. Anhand dieser Auswahl an Aufnahmen können diese drei Themen bearbeitet werden:
- „Nationalsozialismus auf dem Land“ – Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Diktatur auf das Leben in einem westfälischen Dorf.
- „Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus“ – Die Rolle von Erziehung, Jugendorganisationen und der nationalsozialistischen Ideologie in der Lebenswelt der Kinder.
- „Zwangsarbeit“ – Der Einsatz von Kriegsgefangenen und Arbeitskräften aus besetzten Gebieten in der Landwirtschaft.
Die hier getroffene Auswahl an Fotografien bildet zwar nur einen Bruchteil von Böckenhoffs umfassendem Werk ab, bietet jedoch vielseitiges didaktisches Potenzial. Sie zeigen den Einfluss des Nationalsozialismus auf das Landleben in Raesfeld und können sowohl methodisch als auch themenbezogen im Geschichtsunterricht genutzt werden. Das Zusammenspiel von Motiv und Bildunterschrift ermöglicht, z.B. die Aussagekraft fotografischer Darstellungen kritisch zu analysieren und methodisch zu vertiefen.
Ein Beispiel
Exemplarisch wird das Zusammenspiel von Bild- und Bildtitel an der Fotografie 06_197 deutlich. Die vorliegende Aufnahme zeigt zwei Männer und drei Frauen in ziviler Kleidung. Die Männer tragen Hemd, Hut und Hose und die Frauen Kleider und Schürze. Nur die Schuhe sind nicht einheitlich. Während die Frauen und der ältere Mann vermutlich Holzschuhe anhaben, trägt der jüngere Mann Stiefel, die wie Arbeitsschuhe – eine Art Gummistiefel – aussehen. Die Gruppe steht ordentlich aufgereiht auf einer Wiese und im Hintergrund ist ein Wohnhaus zu erkennen. Das scheinbar ältere Paar in der Mitte wird von den jüngeren Frauen auf der linken und dem jüngeren Mann auf der rechten Seite eingerahmt. Aufgrund der Bildkomposition und dem Alter der Fotografierten könnte man annehmen, dass es sich um ein Familienfoto handelt. Dies bestätigt sich bei Berücksichtigung des Bildtitels nur in Ansätzen: Diese Aufnahme zeigt die „Familie Thier mit [einem] polnischem Kriegsgefangenen (rechts) auf ihrem Hof“ in Raesfeld im Jahr 1941. Während die Aufnahme eine Art Normalität suggeriert, klingt nun die tiefgreifende Verankerung und gesellschaftliche Duldung von Zwangsarbeit sowie die enge Verflechtung von Alltag und Ausbeutung während des Nationalsozialismus an. Die Wirkung des Bildes und dessen Interpretationsspielraum verändert sich durch die Berücksichtigung des Titels gänzlich. Zudem müssen neue Fragen an die Quelle gestellt werden:
- Woher wusste die Person, die das Bild beschriftet oder verzeichnet hat, dass es sich bei dem jungen Mann rechts um einen aus Polen verschleppten Mann in Kriegsgefangenschaft handelte?
- Wie ist diese Aufnahme entstanden?
- Wollte die Familie Thier sich gemeinsam mit dem jungen Mann fotografieren lassen oder wurde die Aufnahme von Böckenhoff inszeniert? Wenn ja, warum?
- Wie war die Beziehung zwischen diesen Menschen, die in einem objektiv betrachtet hierarchisch geprägten und ideologisch aufgeladenen Verhältnis zueinanderstanden?
Zudem laden die Fotografien dazu ein, technische und mediale Aspekte, wie die Grenzen der Kameratechnik der 1930er- und 1940er-Jahre oder den sich wandelnden Umgang mit dem Fotografieren und Fotografiertwerden zu diskutieren. Zudem können Fragen nach Inszenierung, Authentizität und Perspektivität, aber auch nach den Kontinuitäten vergangener und gegenwärtiger Sehgewohnheiten im Hinblick auf Fotografien aus der NS-Zeit, reflektiert werden.
Der Gesamtbestand
Besonderes Potenzial in dem Abgleich der ausgewählten Fotografien mit dem weiteren digitalisierten Sammlungsbestand, der in der Datenbank des LWL Bild-, Film- und Tonarchivs abgerufen werden kann.
Folgende Leitfragen können hier als Impulse für eine Arbeit mit dem Gesamtbestand dienen:
- Welche Fotografien wurden in die Auswahl mit einbezogen, welche nicht?
- Welche Motive würden die Schüler:innen auswählen und welche weiteren Themen könnten anhand der Sammlung noch erschlossen werden?
- Inwiefern verändert sich die Deutung der Fotografien, wenn man sie mit ähnlichen Motiven oder weiteren Bildern aus der gleichen Serie vergleicht?
- Inwiefern sind die Fotografien repräsentativ für den weiteren Sammlungsbestand?
- Welche Ereignisse oder Themen werden durch die Fotografien nicht abgebildet? Welche Perspektiven fehlen?
- Was erfahren wir über den Fotografen und das Leben in Raesfeld zwischen 1933 und 1942 anhand dessen überlieferten Dokumentationspraxis?
Diese Fragen ermöglichen es, die Böckenhoffs Fotografien als Teil eines größeren Bestandes an Bildquellen zu betrachten und ihre Bedeutung im Kontext der Geschichte des Nationalsozialismus, sowie ihrer Fortwirkung kritisch zu hinterfragen.