Ob in digitalen Anwendungen oder Ausstellungen, Büchern oder Fernsehdokumentationen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind ein fester Teil unserer Erinnerungskultur. Ihre persönlichen, subjektiven Berichte ermöglichen uns spannende Einblicke in die Vergangenheit. Obwohl Zeitzeugenschaft zu nahezu jedem historischen Ereignis existiert, nimmt sie im Kontext der Schoah eine besondere Stellung ein. Als eindrucksvolle, wenn auch oft erschütternde, historische Quellen, führen uns die Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weg von abstrakten Zahlen und machen die individuellen Auswirkungen und Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen greifbar. Dies erklärt, warum Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beliebte Formen der Geschichtsvermittlung sind und der zunehmende Verlust dieser Menschen als einschneidende Zäsur für die Zukunft der Holocaust Education angesehen wird. 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es immer weniger Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die ihre Geschichten weitertragen können.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gibt es zahlreiche Versuche, die Berichte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für nachfolgende Generationen medial vermittelt erfahrbar zu machen. Eine Form sind videografierte Interviews. Diese sind meist mit zeitlichem Abstand zum Erlebten entstanden und somit unvermeidlich durch das spätere Wissen um den Ausgang der Geschichte geprägt. Gesellschaftliche Debatten, Medien und persönliche Erfahrungen oder die Verarbeitung der Erlebnisse beeinflussen, wie sich ein Mensch erinnert. Zusätzlich prägen spätere Erlebnisse die Erzählung und die Art und Weise wie jemand seine oder ihre Geschichte erzählt, kann sich mit der Zeit verändern.
Darüber hinaus begünstigt das wiederholte Erzählen die Herausbildung einer bestimmten Version der Geschichte. Dabei kann es passieren, dass Dinge vereinfacht, weggelassen oder anders dargestellt werden, manchmal auch, um die Erzählung stimmiger oder verständlicher zu machen. Die Herausforderung besteht somit darin, das Zeitzeugnis als wertvolle historische Quelle zu würdigen, ohne es als unfehlbares Abbild der historischen Realität misszuverstehen.
Methodisches Vorgehen bei der Arbeit mit Zeitzeug:inneninterviews
Wie bei allen anderen Quellen auch, ist daher eine quellenkritische Analyse unabdingbar. Fragen nach dem Entstehungskontext, der Standortgebundenheit und der Selektivität des Erzählten müssen dabei berücksichtigt werden. Waltraud Schreiber schlägt drei „Fokussierung“-Ebenen für die Analyse und Interpretation von Zeitzeug:inneninterviews vor. Für den Geschichtsunterricht kann dieses Modell eine grobe Orientierung bieten. So können sich die Lernenden gegebenenfalls arbeitsteilig mit jeweils einer Fokussierungsebene beschäftigen. Aufgrund der Komplexität solcher Erzählungen, kann aber auch schon die Analyse einzelner Aspekte erkenntnisreich sein. Folgende Fragen können dabei helfen, sich den verschiedenen zeitlichen und inhaltlichen Ebenen von Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen anzunähern:
A. Fokussierung auf Vergangenes
- Welche historischen Ereignisse, Daten oder Orte werden benannt?
- Stimmen die Erzählungen mit dem bekannten historischen Kontext überein oder gibt es Unstimmigkeiten?
- Was wird vielleicht gar nicht erwähnt
B. Fokussierung auf die erzählte Geschichte
- Wie wird die Geschichte erzählt? Wirkt sie eher sachlich oder emotional?
- Gibt es Widersprüche, Unsicherheiten oder Erinnerungslücken?
- Aus welcher Perspektive wird berichtet, und welche fehlen?
C. Fokussierung auf die Gegenwart und Zukunft
- Wer hat das Interview geführt, wann und warum?
- Wie beeinflusst unser heutiges Wissen den Blick auf die Vergangenheit und die Analyse des Berichts?
- Welche Botschaft steckt vielleicht dahinter?
Praktische Beispiele des LWL-Medienzentrums für Westfalen
Die Medienproduktion des LWL-Medienzentrums für Westfalen hat drei Zeitzeug:inneninterviews aufbereitet und stellt sie in den kommenden Wochen zur Verfügung. Den Anfang bildet folgende Dokumentation über Paul Brune. Seine Geschichte zeigt eindrücklich, welche langfristigen Folgen die nationalsozialistische Verfolgung für Betroffene haben konnte.
Die weiteren Interviews eröffnen zusätzliche Perspektiven auf unterschiedliche Erfahrungen von Verfolgung und Ausgrenzung. Schaut selbst!
Paul Brune: https://youtu.be/9osb0ofntfs?si=5QI2ICqS_LDcPWAS