Einführung: Der Wert der Dinge
Während die Analyse von Gegenständen in der Kunstwissenschaft oder der Ethnologie längst etabliert ist, wurden „Dinge“ als Quellen historischer Forschung erst vergleichsweise spät in den Blick genommen. Und auch wenn der „Wert der Dinge“ für die Geschichtswissenschaften insbesondere seit dem material turn der 2000er-Jahre verstärkt betont wird, finden Sachquellen auch heute eher selten Einzug in den Geschichtsunterricht. Der folgende Beitrag beleuchtet daher das Potenzial gegenständlicher Quellen für schulisches wie außerschulisches Lernen und stellt den methodischen Zugang der exemplarisch dar.
Der Forschungsansatz beschäftigt sich mit vom Menschen gebrauchten, hergestellten oder modifizierten Dingen, die als Alltagsgegenstände, Symbole oder Erkennungszeichen fungier(t)en. Da die Objekte von den jeweiligen Individuen und Gesellschaften ihrer Entstehungs- und Gebrauchszeit geprägt worden sind, legen sie Zeugnis über vergangene Lebensrealitäten ab. Sie fungieren somit als materialisierte Geschichte. Die Grundannahme ist jedoch, dass solche Dinge vieldeutig sind und „nicht aus sich selbst sprechen.“ Eine quellenkritische Analyse ist demnach unerlässlich. In Anlehnung an Andreas Ludwig bietet sich ein dreischrittiges Verfahren an, um sich Objekten als historischen Quellen zu nähern, und dessen Material-, Nutz- und Bedeutungswert zu bestimmen.
Methodisches Vorgehen bei der Analyse von Sachquellen
1. Materialität der Dinge
- Aus welchem Material besteht das Objekt und wie ist es gestaltet?
- Wo und wann ist der Gegenstand entstanden und welche direkten Informationen (Inschriften, Stempel, Gebrauchsspuren) lassen sich am Objekt finden?
- Zu welchem ursprünglichen Zweck wurde es hergestellt?
- Welche beiliegenden Informationen geben Aufschluss über die „Biografie“ des Objektes?
2. Umgang mit den Dingen
- In welchem historischen Kontext wurde das Objekt hergestellt und verwendet?
- Welche konkreten Funktionen erfüllte der Gegenstand im Alltag der Menschen?
- Wie wurde mit dem Ding hantiert oder wie wurde es konsumiert?
3. Bedeutung der Dinge
- Wer waren die Besitzer:innen und was verraten uns Fund- oder Aufbewahrungsort über den Wert des Objekts?
- Hat sich die Funktion des Gegenstands im Laufe der Zeit verändert?
- Welche symbolische Bedeutung oder gesellschaftliche Rolle wird dem Objekt heute zugeschrieben, die über seinen reinen Herstellungszweck und Nutzwert hinausgeht?
Im Folgenden werden diese drei Arbeitsschritte am Beispiel eines Rucksacks einer jungen Frau auf der Flucht aus dem Sudetenland durchgeführt.
Exemplarische Analyse: Die Geschichte eines Rucksacks
1. Materialität der Dinge
Bei dem Objekt handelt es sich um einen kleinen Rucksack aus grobem, mit braunen Lederriemen und silberfarbenen Metallschnallen. Die Deckelklappe ist mit braunem Fell bespannt und die Naht weist auf eine industrielle oder halbindustrielle Fertigung hin. Die Form ist schlicht und funktional. Leichte Gebrauchsspuren sind zu erkennen und es sieht so aus, als ob eine Reparatur an der linken unteren Seite der Deckelklappe vorgenommen wurde. Auf der Rückseite des Rucksacks befinden sich eine Inschrift und ein Stempel, vermutlich vom Hersteller (Gustav Reinhardt, Berlin 1939), sowie eine handschriftliche Markierung (Buchstaben), die sich nicht eindeutig entziffern lassen. Zudem lässt sich das Objekt in eine jahrtausendealte Kulturgeschichte einordnen. Tragevorrichtungen dieser Art werden bereits seit Urzeiten für den Transport von persönlichen Gegenständen, Lebensmitteln oder Werkzeugen gefertigt. Schon Ötzi, der „Mann aus dem Eis“, besaß vor etwa 5000 Jahren eine Rückentrage, bestehend aus einem einfachen Holzgestellt und einem Fell- oder Netzsack. Das Tragen auf dem Rücken ermöglichte das Zurücklegen längerer Strecken bei gleichzeitiger Schonung der Kräfte. Ein weiterer Vorteil solcher Vorrichtungen, ist die Freiheit der Hände, die so für andere Tätigkeiten, wie Festhalten, Tragen oder Verteidigung genutzt werden können.
2. Umgang mit den Dingen
Die beiliegenden Informationen offenbaren, dass der Rucksack, ein sogenannter „Affe“ aus dem Zweiten Weltkrieg, von einer jungen Frau auf der Flucht aus Reichenberg (Liberec), der ehemaligen Hauptstand des sogenannten „Sudetenlandes“ getragen wurde. Das Gebiet umfasste eine Grenzregion im heutigen Tschechien an der Grenze zwischen Tschechien, Österreich und Deutschland. Dort lebten zu großen Teilen deutschsprachige Menschen. Die Region war nach dem Ersten Weltkrieg der Tschechoslowakei zugesprochen, 1938 von den Nationalsozialist:innen annektiert und 1945 wieder in die Tschechoslowakei integriert worden. Der dort lebenden deutschsprachigen Bevölkerung wurde vorgeworfen, die Nationalsozialist:innen unterstützt zu haben, was in ihrer gewaltsamen Aussiedlung und Vertreibung resultierte. Im Jahr 1946 gelangte das Objekt in den Kreis Borken im Münsterland. Die Besitzerin, die 1943 zur Luftwaffe verpflichtet worden war, kehrte 1945 zunächst in ihre Heimat zurück, bevor sie ein Jahr später gemeinsam mit ihren Eltern vertrieben wurde. Die Luftlinie zwischen Liberec und Borken beträgt rund 580 Kilometer. Die tatsächlich zurückgelegte Strecke war unter den damaligen Umständen weitaus länger, was eine wochenlange Reise unter extremen Umständen bedeutete. Der Rucksack war dabei das Transportbehältnis für ihr verbliebenes Hab und Gut. Was zu Beginn der Flucht im Rucksack war, ist nicht bekannt. Bei der Ankunft in Borken war er mit Kleidung, einer Puppe und einigen Gläsern Marmelade gefüllt.
3. Bedeutung der Dinge
Abgesehen vom Nutzwert des Objektes als Transportbehälter, besaß der Rucksack für die ehemalige Besitzerin womöglich hohen Bedeutungswert. Trotz der existenziellen Notstände, ermöglichte der Rucksack die Mitnahme einiger persönlicher Erinnerungsstücke. Er wurde so zu einem Gegenstand, der ein Stück Heimat auf der Flucht mitzutragen vermochte. Darüber hinaus hat das Objekt einen tiefgreifenden Funktionswandel durchlaufen. Mit der Übergabe des Rucksacks an das kult in Vreden wurde er von einem praktischen Gebrauchsgegenstand oder persönlichen Andenken zu einem Ausstellungsobjekt und Informationsträger. Stellvertretend steht er nun für die Geschichten zahlreicher Menschen, die ihre Heimat nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise verlassen mussten. In Form eines Fotos auf der Internetseite EDU_Westfalen dient die digitale Fotografie des Objekts nun als Sachquelle, anhand derer Inhaltsfelder des Kernlehrplans Geschichte NRW, insbesondere „Flucht und Vertreibung im europäischen Kontext“, behandelt werden können. Darüber hinaus kann an dem Objekt im Sinne des Gegenwarts- und Lebensweltbezugs eine Brücke zu Themen wie Flucht und Migration in der heutigen Zeit geschlagen werden. Insbesondere ein Vergleich mit der Handreichung zum „Notfallrucksack“ des DRK-Landesverband Westfalen-Lippe e.V. verdeutlicht hier die zeitlose Bedeutung solcher Gegenstände im Kontext gesellschaftlicher Notstände. Der Rucksack wird somit zum Symbol für Mobilität, aber auch für die physische und psychische Last in Krisensituationen, die die Menschen zu tragen haben.
Literatur
Barsch, Sebastian; van Norden, Jörg (Hrsg.): Historisches Lernen und materielle Kultur. Von Dingen und Objekten in der Geschichtsdidaktik (Public History – Angewandte Geschichte 2), Bielefeld 2020.
Hoffmann, Detlef: Zeitgeschichte aus Spuren ermitteln. Ein Plädoyer für ein Denken vom Objekt aus, in: Zeithistorische Forschungen 4 (2007), S. 200-210.
Ludwig, Andreas: Materielle Kultur, Version 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 01.10.2020, online unter: http://docupedia.de/zg/Ludwig_materielle_kultur_v2_de_2020, zuletzt abgerufen am 13.04.2026.
