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Historische Filme im Unterricht

Spannend, aber herausfordernd: (Dokumentar-)Filme als Quellen

Historische Filme gelten auf den ersten Blick als besonders anschauliche Quellen. Sie zeigen scheinbar unmittelbar „wie es gewesen ist“. Gerade darin liegt jedoch eine zentrale Herausforderung, insbesondere, wenn man sie im Geschichtsunterricht nutzen möchte. Dokumentarfilme nehmen dabei eine besondere Stellung ein, weil sie schon dem Begriff nach suggerieren, Realität abzubilden und festzuhalten.[1] Doch auch diese zeitgenössischen Darstellungen sind nicht frei von subjektiven Eingriffen. Wie der Historiker Peter Stettner betont, fließen „stets menschliche Handlung und Intention“ in die Aufnahme mit ein.[2]

Die Wirkung einer filmischen Quelle ergibt sich somit nicht nur aus dem Gezeigten selbst, sondern auch dem Entstehungskontext und der Gestaltung. Kameraposition, Bewegung, Schnitt und Montage strukturieren die Wahrnehmung der bewegten Bilder, die wiederum eine Bedeutung erzeugen. Hinzu kommen Kommentierungen oder Musik, die weitere Deutungen transportieren. Und auch das Weglassen von bestimmten Bildern ist Teil der Narration, denn nur ein Ausschnitt der historischen, also der „vorfilmischen“, Realität wird gezeigt. Daher ist Kontextwissen zu den Filmschaffenden, den Auftraggebenden, den Produktionsbedingungen und den Verwendungsweisen unerlässlich, vor allem, weil filmische Quellen oftmals unterschiedliche Be- und Verarbeitungsstufen durchlaufen. Beispielsweise, wenn zeitgenössisches Filmmaterial in später erzeugten filmischen Darstellungen eingebunden und in neue Kontexte überführt wird. Dies lässt sich anhand des folgenden Beispiels illustrieren.

Beispiel: Elisabeth Wilms „Alltag nach dem Krieg“ (1947/1981)

Im Jahr 1947 drehte die als resolute Bäckerin und Filmemacherin bekannte Elisabeth Wilms den 16‑mm‑Schwarzweißfilm Alltag nach dem Krieg. Die Kurzdokumentation gehört zu den über 150 Filmen, die sie ab 1941 bis zu ihrem Tod im August 1981 realisierte. In den Jahren unmittelbar nach dem Kriegsende hielt sie mit ihrer Kamera das Leben der Menschen im zerstörten Dortmund und seiner Umgebung fest. Regie, Kamera und Schnitt lagen dabei in ihrer Hand. Wie bereits bei den Filmen „Dortmund 1947“ und „Schaffende in Not“ (1948), die sie im Auftrag des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland montierte, um international auf die akute Not aufmerksam zu machen und Hilfeleistungen zu akquirieren, wird auch in Alltag nach dem Krieg eine deutliche Hilfs- und Appellfunktion sichtbar. Das Leid der Menschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Mangel und Zerstörung bilden den erzählerischen Fokus. Wir sehen Kinder, die in den Trümmern spielen, Menschen, die von den Folgen des Krieges gezeichnet sind und Häuser, von denen fast nichts mehr übrig ist.

34 Jahre später, im Jahr 1981, entstand im Auftrag des FWU – Institut für Film und Bild eine neu bearbeitete Fassung des Filmes auf VHS. Für diese Version übernahm Anneliese Stempfl den Schnitt, die Tonbearbeitung erfolgte bei Fact‑Film durch Karl Wiehn (Kaiserslautern). Den Kommentar hat Elisabeth Wilms selbst eingesprochen.

Schaut man den Film nun einmal ohne und einmal mit Ton, wird bereits deutlich wie sich die Wirkung der Bildsequenzen verändert beziehungsweise verstärkt. Elisabeth Wilms tritt nicht nur mit ihrer Kamera nah an die Menschen heran, sondern gibt ihnen nun durch den später hinzugefügten Kommentar einen Namen. Es sind ihre ehemaligen Nachbarn und Nachbarinnen, ihre Bekannte. Menschen, die sie kennt und die ihr die Türen öffnen. Die persönlichen Anekdoten zu den Bildern, emotionalisieren das Gezeigte und lenken die Wahrnehmung der Betrachtenden in eine bestimmte Richtung. Damit wird deutlich, dass auch dokumentarische Filme nicht einfach Wirklichkeit abbilden. Das aufgenommene Geschehen hat sich zwar tatsächlich vor der Kamera ereignet, doch es wurde ausgewählt, gerahmt und in eine bestimmte Ordnung gebracht. Welche Motive gezeigt werden, welche Perspektiven im Vordergrund stehen und was ausgespart bleibt, ist Teil der filmischen Gestaltung. In Alltag nach dem Krieg sind dies etwa Bilder von Trümmern, zerstörten Wohnungen, unterernährten und kranken Menschen, aber auch Szenen von Selbsthilfe und Unterstützung durch karitative Organisationen, wie dem Schwedischen Roten Kreuz, die dominieren. Die spätere Kommentierung verstärkt diese Auswahl noch weiter. Diesen Besonderheiten historischer Filmquellen, insbesondere solchen mit dokumentarischem Charakter, könnte sich im Geschichtsunterricht arbeitsteilig genähert werden. Historische Dokumentarfilme wie der von Elisabeth Wilms bieten damit die Chance, nicht nur über „die Vergangenheit“, sondern ebenso über ihre mediale Konstruktion ins Gespräch zu kommen. Es wird deutlich, dass Geschichte im Film nicht einfach abgebildet, sondern mit spezifischen Interessen, ästhetischen Mitteln und in wechselnden Nutzungskontexten immer wieder neu erzählt wird.

[1] Zur Abgrenzung verschiedener Subgenres von Dokumentarfilmen siehe: Seider, Tanja: Zeigen, wie es gewesen ist?, in: Lernen aus der Geschichte. Zur Diskussion. Beitrag vom 09.09.2010, online unter: https://lernen-aus-der-geschichte.de/beitrag/2009-10-10-zeigen-wie-es-gewesen-ist/ (zuletzt abgerufen am 17.06.2026).

[2] Stettner, Peter: Dokumentarfilm als historische Quelle, in: Archivpflege in Westfalen-Lippe 69 (2008), S. 1-10, hier S. 4.

Literatur

Springer, Ralf: Die filmende Bäckersfrau – Der Filmnachlass der Dokumentarfilmerin Elisabeth Wilms, in: Im Fokus 3 (2009), S. 18-19.

Stark, Alexander: Die «filmende Bäckersfrau» Elisabeth Wilms. Amateurfilmpraktiken und Gebrauchsfilmkultur (Marburger Schriften zur Medienforschung 92), Schüren 2023.

Stettner, Peter: Dokumentarfilm als historische Quelle, in: Archivpflege in Westfalen-Lippe 69 (2008), S. 1-10.